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Pastor Karl-Bruno Haferburg

 

geb. am 18.05.1907 – gest. am 24.01.1990

 

Als er seinen 80. Geburtstag in Göttingen begeht, wird er von der Redaktion des Rundbriefes gebeten,

doch einen Bericht über seinen Lebensweg zu schreiben. 

 

 

Acht Jahrzehnte in diesem (20.) Jahrhundert

Kindheit und Jugend

Am 18.5. 1907, also in ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, bin ich geboren, aber nicht in der Neumark, wie manche vermuten könnten, sondern in Eichenbarleben bei Magdeburg, mitten in der Magdeburger Börde.

Mein Vater war dort bis zu seinem Tode mehrere Jahrzehnte als Tierarzt tätig. In meinem Heimatdorf besuchte ich bis zu meinem 10. Lebensjahr die Dorfschule und kam dann nach Helmstedt aufs Gymnasium. Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in dieser Stadt, und ich konnte bei ihnen wohnen.

Gymnasium und 1.Weltkrieg

In der ehemaligen alten Universitätsstadt Helmstedt fühlte ich mich sehr wohl. Die schönen Wälder in der Nähe – Lappwald und Elm – lockten zu Fahrradausflügen und Spaziergängen. Das Gymnasium hatte einen guten Ruf. In der Schule kam ich nach einigen Anfangsschwierigkeiten sehr gut zurecht. Ich bedauerte allerdings sehr, dass ich jetzt nur in den Ferien mein Elternhaus besuchen und mit den Eltern und der um 6 Jahre jüngeren Schwester zusammen sein konnte. Noch mehr beeindruckt wurde ich damals schon als Schüler von den Zeitereignissen. Am 1.August 1914 war der 1. Weltkrieg ausgebrochen. Mein Vater wurde gleich am ersten Kriegstag zum Heer eingezogen. Er musste bei der Truppe Dienst tun als Stabsveterinär.

Alle meinten, das würde nur etliche Monate dauern und mit einem großen Sieg Deutschlands enden. Aber von Jahr zu Jahr zog sich das Kriegsgeschehen in die Länge. Als ich im Jahre 1917 nach Helmstedt zum Gymnasium kam, war in der Heimat schon mancherlei vom Krieg zu spüren. Schlechte Nachrichten von der Front, Unruhe, Hunger, Krankheiten unter der Bevölkerung. Im Herbst 1918 kam dann das bittere Ende. Waffenstillstand, Kapitulation, Revolution. Wer hätte das gedacht?

Diese Vorgänge haben mich damals als Schüler schon sehr bedrückt. Was wird jetzt aus Deutschland, unserem Vaterland? Diese Frage hat mich immer wieder umgetrieben. Es kamen dann noch bis 1923 schlimme Jahre. Zu der Verknappung der Lebensmittel kam noch die Inflation, die Entwertung unseres Geldes, hinzu. Unser Land wurde ein Tummelplatz für Schieber und Kriegsgewinnler. Im Herbst 1923 gelang es unserer Regierung erst, die Währung zu stabilisieren. Die alte Reichsmark wurde abgeschafft und dafür die Rentenmark eingeführt. In den Jahren 1924 – 28 war ein gewisser Aufschwung der Wirtschaft deutlich zu spüren. Im Jahre 1926 machte ich am Gymnasium mein Abitur. Ich entschloss mich, Theologie zu studieren. Ich war der erste Theologe in unserer Familie. Am Gymnasium hatte ich bereits die klassischen Sprachen Latein und Griechisch gelernt. Um aber das Alte Testament auch in der Ursprache lesen zu können, fehlte mir noch Hebräisch.

 

Schwachenwalde

Jetzt muss ich zum ersten Mal den Namen des Ortes nennen, der auf meinem weiteren Lebensweg von entscheidender Bedeutung geworden ist. Bis dahin hatte ich diesen Ortsnamen noch nie gehört. Bald nach dem Abschluss meines Vikariatsdienstes in Templin bei Pastor Grüber machte ich mein zweites Theologie- Examen wieder beim Konsistorium in Berlin. Wir waren in der Prüfung sechs Kandidaten, die alle das Examen bestanden haben. Einen Tag nach dem Examen wurden wir noch einmal zum Konsistorium bestellt. Jedem von uns wurde mitgeteilt, in welcher Gemeinde der Mark Brandenburg er jetzt ein Jahr lang als Hilfsprediger tätig sein sollte. Mir wurde mitgeteilt, dass ich nach Schwachenwalde zu Pastor Karl Eckert kommen sollte, der unbedingt einen Hilfsprediger brauche. Das wirkte auf mich wie ein Schock. Den Namen des Ortes hörte ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben. Er musste weit im Osten der Mark Brandenburg liegen. Pastor Eckert kannte ich überhaupt noch nicht. Eigentlich konnte ich darum auch kaum etwas über ihn sagen. Ich wusste nur, dass er damals sehr viel in der Mark Brandenburg umher reiste und Parteiversammlungen für die NS-Partei abhielt. Ich wusste auch, dass er im Volksmund den Spitznamen “Backenzähne-Eckert“ bekommen hatte. Er soll nämlich öfter in Wahlversammlungen gesagt haben, wer sich ihm widersetzt, dem würde er die Backenzähne ausschlagen. So hatte ich ein ungutes Gefühl, als Konsistorialrat Dr. Kegel mir eröffnete, dass ich nach Schwachenwalde kommen sollte. Als ich Dr. Kegel gegenüber meine Bedenken aussprach, wollte er an seiner Entscheidung nichts mehr ändern, schlug aber vor, Pastor Eckert persönlich aufzusuchen und mit ihm zu reden. Er war damals nicht in Schwachenwalde, sondern arbeitete in Berlin im evangelischen Oberkirchenrat, der für alle altpreußischen Provinzen zuständigen Kirchen-Behörde. Dort suchte ich ihn auf und bat ihn um ein Gespräch. Er sagte mir, dass er unbedingt eine Hilfe für die kirchliche Arbeit in Schwachenwalde nötig habe. Ich hatte inzwischen schon erfahren, dass er von der Partei mit mehreren Ämtern betraut war. Er war Kreisleiter des Kreises Arnswalde, Gaupropagandaleiter für die Mark Brandenburg, Mitglied im preußischen Landtag und Fraktionsführer der Deutschen Christen auf der Nationalsynode in Weimar. Ich erklärte ihm, dass ich den Deutschen Christen höchstwahrscheinlich nicht beitreten würde. Darauf antwortete er mir, dass erwarte er auch nicht unbedingt. Dann wörtlich: Es kommt auf Ihre Predigt an. Hauptsache, dass sie ernst predigen. Ich fragte ihn, wie ich dieses ernst predigen verstehen soll. Die Antwort lautete: 1. Laut reden. 2. Die Regierung loben.

Das hörte sich mehr nach Parteiversammlung als nach Gottesdienst in der Kirche an. Ich verabschiedete mich von ihm und nahm an, dass er mich als Hilfsprediger für Schwachenwalde ablehnen würde. Umso mehr war ich überrascht, als ich von der Behörde ein Schreiben erhielt, dass ich meinen Dienst am 1.9.1933 in Schwachenwalde anzutreten habe. Pastor Eckert hatte mich also doch nicht abgelehnt. Vielleicht hatte er doch Gefallen an mir gefunden. Es war damals Pfarrermangel. So schnell war kein anderer Hilfsprediger zu bekommen. Es wurde mir dann noch mitgeteilt, dass ich nicht im Pfarrhaus in Schwachenwalde wohnen könne. Vorerst wohne er dort noch mit Frau und Tochter. Er hatte für mich ein Zimmer bei Schmiedemeister Meyer in Kranzin gemietet. Ich sollte darum auch nicht in Augustwalde, sondern in Kleeberg aus dem Zug aussteigen. Ich wurde in Kleeberg von der Bahn abgeholt und gleich bei Meyers untergebracht. Es waren prächtige Leute, sie waren sehr um mich besorgt. Ich versuchte mich zunächst etwas zu orientieren, über die Gemeinden und über die Leute, die dort lebten.

Zu den Gemeinden Schwachenwalde und Kranzin gehörte auch noch Hitzdorf, und die Güter Sophienhof, Marienhof, Augustwalde und Kleeberg. Es gab auch noch einige außerhalb der Ortslage gelegene Gehöfte.

Schwachenwalde war der größte Pfarrsprengel in der Superintendentur Arnswalde. Das erste, was ich mir anschaffen musste, war ein Fahrrad, um überhaupt die Gemeinde betreuen zu können. Ich war überrascht von der Schönheit der Landschaft. Dass es in jedem Dorf beinahe zwei Seen gab, das hatte ich sonst noch nirgends zu sehen bekommen. In Schwachenwalde lag dem Pfarrhaus gegenüber das Grundstück des Fischers Hartwig mit dem großen Kloppsee. Wenn man durch den Pfarrgarten ging, lag am hinteren Ausgang des Gartens der Pätzniksee. Die Menschen in den Gemeinden waren sehr aufgeschlossen. Sie freuten sich, dass nun ein Pfarrer gekommen war, den man meistens erreichen konnte. Ich hatte jeden Sonntag drei Gottesdienste. In allen drei Gemeinden hielt ich Konfirmandenunterricht. Auch Amtshandlungen, Taufen, Trauungen und Beerdigungen, mussten häufig vollzogen werden. Pastor Eckert kam gewöhnlich nur alle 14 Tage sonnabends und sonntags. Wir besprachen die Dienstpost. Er ließ mich sonst ganz selbstständig arbeiten. Im Sommer 1934 zog er aus dem Pfarrhaus aus nach Berlin, wo er ein höheres Amt in der kirchlichen Verwaltung übernehmen sollte. Ich fragte ihn, ob er damit einverstanden sei, wenn ich mich nach Ablauf meines Hilfs-Dienstjahres um die Pfarrstelle Schwachenwalde bewerben und auch schon ins Pfarrhaus einziehen würde. Er war damit einverstanden. So konnte ich von Kranzin nach Schwachenwalde umziehen. Meine Schwester zog zu mir und führte mir den Haushalt. Alle drei Kirchenvorstände hatten mich zum Pfarrer gewählt. Nun fehlte nur noch die Bestätigung des Konsistoriums, dann konnte Superintendent Gramlow mich in mein Amt einführen. Aber es kam ganz anders. Die Bestätigung blieb aus. Es hatte sich nämlich die Lage in der Kirche zugespitzt, besonders in Berlin und der Kirchenprovinz Brandenburg. Pastor Niemöller hielt seine berühmten Predigten in Berlin-Dahlem. Einige Pfarrer waren verhaftet oder aus ihren Gemeinden ausgewiesen worden. Es waren ja sogar schon einige Pfarrer in Konzentrationslagern ermordet worden. Sogar drei der bekanntesten Bischöfe Lutherischer Kirchen, Marahrens in Hannover, Meiser in München und Wurm in Stuttgart waren verhaftet und wurden in Gefängnissen festgehalten.

Die Partei wollte damit Druck auf die evangelische Kirche ausüben. Die Bekennende Kirche setzte sich dagegen zur Wehr. Ich war auch der Bekennenden Kirche und dem Pfarrernotbund beigetreten. Es wurde aufgerufen für die Bischöfe zur Fürbitte in den Kirchen, eine große Anzahl von Pfarrern leistete diesem Aufruf Folge. Auch ich habe damals die Fürbitte in meinen Gottesdiensten gehalten. Irgendjemand aus meinen Gemeinden muss Pastor Eckert davon berichtet haben. Er war jedenfalls aus Berlin gekommen und horchte draußen an der Kirchentür beim Gottesdienst in der Gemeinde Kranzin. Ich habe davon nichts gewusst. Nach dem Gottesdienst ging ich in die Wohnung des Lehrers hinüber, um mir den Talar auszuziehen. Da stand er vor mir in brauner Uniform. Er hatte ein hochrotes Gesicht und schrie mich wütend an. Er schrie mir entgegen: Sie sind ein Landesverräter, alle Pastoren im Kreis Arnswalde sind Landesverräter. Ich werde ein Konzentrationslager einrichten. Dort werden Sie alle erschossen. Ich habe den Talar nicht ausgezogen, sondern habe mich umgedreht, bin rausgegangen und habe ihm noch zugerufen: Wenn Sie schießen wollen, dann schießen Sie man. So ging ein Amtsbruder nicht mit seinen Mitbrüdern um.
In Arnswalde hat er mich bei Versammlungen noch beschimpft. Seit diesem Tag war ich im ganzen Kreis Arnswalde bekannt geworden. Jetzt versuchte man alles Mögliche, um mich aus Schwachenwalde zu verdrängen. Ich habe mich immer wieder darauf berufen, man sollte doch ein ordentliches Verfahren gegen mich einleiten. Der Kirchenvorstand wurde unter Druck gesetzt, dass er eine Räumungsklage gegen mich einleiten solle. Aber alle Mitglieder des Kirchenvorstandes lehnten das ab.

Schließlich wurde die Geheime Staatspolizei eingeschaltet. Mir wurde eine Verfügung zugestellt, dass ich innerhalb von 24 Stunden das Pfarrhaus und die Gemeinde zu verlassen habe. Ich habe mit Superintendent Gramlow und Pastor Korth in Fürstenau telefoniert. Pastor Korth war bereit, mich vorerst bei sich aufzunehmen. Sup. Gramlow rief eine Pfarrkonferenz ein. Die Angelegenheit wurde dort besprochen. Fast alle Pfarrer standen auf meiner Seite. Man riet mir, nicht aufzugeben. Sie alle wollten mir beistehen. So konnte ich indirekt meine Gemeinden weiter versorgen, ohne dort zu wohnen. Ich konnte in Granow bei Pastor Meuß wohnen. Granow war etwa 7 km von Schwachenwalde entfernt. Meine Schwester war ja nicht ausgewiesen. Sie konnte meistens einmal in der Woche mit dem Fahrrad bis zur Grenze von Kranzin nach Granow kommen. Ich fuhr ihr von Granow aus entgegen, und wir konnten dann am Treffpunkt alles Wichtige besprechen. Die Konfirmanden kamen auf Fahrrädern nach Granow herüber. Auch mit den Taufen und Trauungen wurde es so gehalten. Nur bei den Beerdigungen musste ein Vertreter kommen. Sonntags habe ich einen Pastor aus den anderen Gemeinden vertreten und er kam dann nach Schwachenwalde und hielt die drei Gottesdienste. Besonders schwierig war es mit den Konfirmationen.

Alle Kinder – ohne Ausnahme - wollten von mir konfirmiert werden, aber ich durfte ja nicht nach Schwachenwalde kommen. Hier hat uns Herr von Schuckmann in Raakow geholfen. Er war ja als Gutsbesitzer in Raakow auch Patron der dortigen Kirche. Er stellte sie uns zur Konfirmation zur Verfügung. Diese Konfirmationsfeier werde ich nie vergessen. Alle Kinder waren mit ihren Eltern gekommen. Ein halbes Jahr hat diese Ausweisung durch die Gestapo gedauert. Man hatte versucht, in dieser Vakanzzeit deutschchristliche Pastoren nach Schwachenwalde zu bringen. Sie alle haben aber abgelehnt, wenn sie sich über die Situation erkundigt hatten. Es herrschte bei meiner Rückkehr in der Gemeinde große Freude. Pastor Eckert war inzwischen aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden und Landrat im Kreis Rathenow geworden. So konnte ich in den folgenden Jahren meinen Dienst unangefochten und unbehelligt in den Gemeinden versehen. Sup. Gramlow hat mich bald nach meiner Rückkehr in den Dienst der Gemeinde eingeführt, ohne noch weiter die Behörde darum zu fragen. Am 8. November 1938 habe ich geheiratet. Meine Frau stammt aus der Gemeinde, sie war eine Tochter des Landwirts Otto Hartwig, der dort früher eine größere Landwirtschaft gehabt hat. Ich hatte mit meinem Schwiegervater öfter zu tun. Er war im Kirchenvorstand und konnte immer guten Rat erteilen in den schwierigen Jahren, die wir durchzustehen hatten. Meine Frau Käthe hatte ich aber kaum vorher kennen gelernt. Im Sommer 1938 war sie 4 Tage in Schwachenwalde auf Urlaub. Diese Tage habe ich ausgenutzt, um mit ihr ausführlich zu sprechen. Wir merkten beide, dass wir gut zueinander passten. Wir haben uns dann in diesen Tagen verlobt und am 8. November geheiratet.

Bis zum Ausbruch des Krieges konnten wir gut und friedlich zusammen leben.

Dann aber wurde ich noch einmal von der Gestapo behelligt. Irgendjemand muss mich wieder angezeigt haben. An einem Februarabend gegen 20 Uhr kam ein Auto von der Gestapo aus Schneidemühl mit drei Herren – einer mit einer Schreibmaschine – am Pfarrhaus vorgefahren. Sie wollten mich vernehmen. Es waren ziemlich belanglose Dinge, die sie vorbrachten. Ich konnte alles schnell widerlegen. Dann machten sie eine Hausdurchsuchung, mein Arbeitszimmer, meinen Schreibtisch und Bücherschrank. Alles Verdächtige wurde beiseite gelegt, gegen 24 Uhr erklärten sie mich für verhaftet. Warum? Das wurde nicht gesagt, ich konnte mich gerade noch von meiner Frau verabschieden. Nachts um 3 Uhr waren wir in Schneidemühl im Gerichtsgefängnis. Ich wurde in eine Zelle eingeschlossen, es war unheimlich. Die Zelle war dunkel und vergittert. Ich dachte an meine Frau und überlegte, was man mit mir vorhaben könnte. Am folgenden Tag wurde ich zur Gestapo geholt, jetzt erfuhr ich, worum es ging.

Sie hatten bei der Haussuchung ein hektografiertes Blatt gefunden, einen Vortrag über die gegenwärtige Lage der Kirche, gezeichnet K.B. - Karl Barth, ein evangelischer Theologe der damaligen Zeit. Er war Professor in Bonn, ist nach seiner Absetzung in die Schweiz gegangen, war nun Ausländer. Ein Briefverkehr mit ihm wäre Landesverrat gewesen. Wenn ich das nicht hätte widerlegen können, wäre ich wohl nicht am Leben geblieben. Ich habe Karl Barth geschätzt, aber niemals persönlichen Kontakt mit ihm gehabt. Darum habe ich mir das Schriftstück aushändigen lassen, um es in der Zelle durchlesen zu können. Dabei stellte sich aus dem Inhalt heraus, dass es sich in diesem Schriftstück um die Wiedergabe eines Vortrages handelte, den Barth im Jahre 1935 in Deutschland gehalten hatte. Das mussten die Gestapoleute akzeptieren. Ich wurde nicht gleich entlassen, es gab immer noch Verhöre, wie ich zum Krieg, zur Partei, zu den Juden und zum Führer stehe. Nach 6 Tagen wurde ich schließlich entlassen. Man sagte mir, wenn jetzt noch eine Kleinigkeit passieren würde, dann müsste ich mit KZ rechnen.

In meiner Gemeinde herrschte große Freude, als sich so plötzlich wieder zurückkam. Für meine Frau war es eine ganz besondere Freude. Während der Tage meiner Haft lebte sie ja in völliger Ungewissheit über mein Schicksal. Aber zwei Monate nach diesem Geschehen wurde ich zum Wehrdienst eingezogen. Ich will hier meinen ersten Bericht abschließen. Denn mit dem, was dann gekommen ist, hat ja für mich ein ganz neuer Lebensabschnitt begonnen, über den ich in einem zweiten Aufsatz schreiben werde.

 

Karl Bruno Haferburg, Pfarrer i.R., Göttingen

 

Dies ist ein gekürzter Auszug des ersten Berichtes aus dem Rundbrief von Margarete Schulz, geb. Herder, früher Hitzdorf. Sie kannte Pastor Haferburg persönlich. Sie hat am Sonntag in der Kirche die Tafeln mit Zahlen für die Lieder aus dem Gesangbuch versehen. Leider war ihre Konfirmation 1945 nicht mehr möglich.

 

 

 

Pastor Haferburg auf einer Hochzeit in Hitzdorf

 

 

 

Pastor Haferburg – Teil 2

Eine Weihnachtsvorbereitung im Kriege (25.12.1943)

 

In dem zweiten Teil meiner Biographie habe ich meine Erlebnisse als Soldat im letzten Weltkrieg beschrieben. Ich wurde im Mai 1940 eingezogen und kam zu einer Luftwaffeneinheit, der ich dann von Beginn bis beinahe zum Schluss des Krieges im Mai 1945 angehört habe. Ich gehörte zu einer Fliegerhorst-Kommandantur, die die Bodenorganisation deutscher Militärflugplätze durchzuführen hatte. Wir kamen zunächst auf Flugplätze in Holland, Frankreich und Belgien (Kanalküste, Ostende) und wurden dann ganz plötzlich vom Westen nach Jugoslawien im südöstlichen Teil Europas, weit entfernt vom Deutschen Reich, verlegt. Makedonien war der südlichste Teil Jugoslawiens. Nicht weit von Griechenland wurde unserer Einheit ein großes Gelände etwa 700 Meter hoch – ganz flach und eben, ringsum von hohen Bergen umgeben – zugewiesen. Diese große ebene Fläche war denkbar gut geeignet für den Aufbau und die Organisation eines Flugplatzes. Bulgarische Baukompanien waren uns zugeteilt. Sie hatten die Bauarbeiten für den Flugplatz durchzuführen. Von den Einwohnern des Landes wurden wir anfangs sehr freundlich aufgenommen. Viele meiner Kameraden fühlten sich darum in dem fremden Land, das ja keiner von uns bisher kannte, zunächst recht wohl. Die Landschaft war fremdartig, aber doch auch reizvoll. Die Arbeiten, Sitten und Gebräuche der Bevölkerung erregten unser Interesse. Für die ca. 250 Mann unserer Einheit und die angegliederten Luftwaffensoldaten gab es gerade auch für die Einrichtung und Organisation des Flugplatzes anfangs sehr viel Arbeit. Manche meiner Kameraden hofften wohl auch noch darauf, dass der Krieg nun bald ein Ende nehmen würde und dass wir alle dann zu Weihnachten zuhause sein würden.

Aber die warmen – oft sogar sehr heißen - Sommertage waren bald vergangen. Langsam wurde es Herbst. Allmählich ging es auf Weihnachten zu. Der Winter brachte manchmal auch in Südeuropa viel Schnee. An unserer Situation hatte sich aber nichts geändert. In vielen Gesprächen mit den Kameraden merkte ich, dass alle Hoffnungen auf eine baldige Heimkehr in die Heimat getrogen hatten. Vom Soldatensender Belgrad hörte man immer noch Siegesmeldungen fast von allen Fronten. Wer aber genau hinhörte, merkte doch, dass sich die Fronten nicht mehr in Richtung zum Feind hin veränderten, sondern dass es überall allmählich Abschnitt für Abschnitt zurückging. Dazu kamen für viele von uns schlechte Nachrichten aus der Heimat, Bombenangriffe auf deutsche Städte, Missstände im politischen System und vieles andere mehr, das wenig Anlass zur Ermutigung gab. Wir machten uns Gedanken darüber, wenn wir einmal den Rückzug antreten mussten.
Es war ein weiter Weg zurück beinahe durch ganz Jugoslawien hindurch über das Balkangebirge hinweg, wo schon damals die Partisanen den deutschen Truppen große Schwierigkeiten bereiteten. Ich fühlte es, dass hier eine Aufgabe auf mich wartete. Mehr und mehr reifte in mir der Entschluss zu versuchen, in dieser extremen und angespannten Situation zu Weihnachten eine Gottesdienst zu halten. Ich hatte damals einige Wochen hindurch eine Gruppe italienischer Kriegsgefangener zu beaufsichtigen, die auf dem Flugplatz zu Bauarbeiten abkommandiert waren. Eines Tages sah ich, dass unser Platzkommandant, ein Hauptmann, auf unsere Arbeitskolonne zukam. Vorschriftsmäßig musste ich ihm, als der leitende Unteroffizier, Meldung machen über die Tätigkeit meiner Kolonne. Ich fasste mir jetzt ein Herz und bat ihn, eine Bitte vortragen zu dürfen. Das war eine günstige Gelegenheit, um die Erlaubnis zu bitten, zu Weihnachten einen Gottesdienst zu halten. Er stutzte einen Augenblick. Eine solche Bitte war ihm wohl noch niemals von einem unterstellten Soldaten vorgetragen worden. Er erteilte mir dann die Erlaubnis für mein Vorhaben. Er hatte wohl auch gemerkt, dass bei der Einheit jetzt vor dem großen Fest sich eine bedrückende Stimmung verbreitet hatte. Eigentlich hätte der Hauptmann mir diese Genehmigung gar nicht erteilen dürfen. Ich war kein Militärpfarrer und hätte das wohl auch nicht werden können, weil ich schon mit der Gestapo in Konflikt geraten war. Außerdem gab es bei der Luftwaffe überhaupt keine Militärpfarrer. Die gab es nur bei der Infanterie und der Marine. Hermann Göring hat das wohl beim Aufbau der Luftwaffe im Dritten Reich nicht für notwendig gehalten.

Nach der Genehmigung meines Anliegens durch unseren Hauptmann ging es nun an die organisatorischen Vorbereitungen, bei denen immer neue Schwierigkeiten auftauchten. Wo war auf unserem Platz ein Raum zu finden, in dem man eine größere Anzahl von Soldaten versammeln konnte? Ein Feldgottesdienst im Freien war bei dem Winterwetter und der Kälte kaum möglich. Es kamen eigentlich nur zwei Räume in Frage. Einmal eine große Holzbaracke, in der die Kantine mit Alkoholausschank eingerichtet war für unsere Soldaten. Aus verschiedenen Gründen schien mir aber diese Kantine für einen Gottesdienst nicht geeignet. Sodann war im Dorf eine Kirche, ein griechisch-orthodoxes Gotteshaus. Sie war nicht allzu groß, äußerlich beinahe unscheinbar. Sie war – wie die meisten Kirchen dieser Konfession – ganz hell weiß getüncht, und war weithin zu sehen, wenn sie von der südlichen Sonne beschienen wurde. Nach meinen Beobachtungen beteiligten sich die Dorfbewohner sehr am gottesdienstlichen Leben. Ich entschied mich für diese Kirche, wollte sie aber nicht ohne Einwilligung des zuständigen Geistlichen, des Popen, wie sie genannt wurden, für unseren Zweck benutzen. Ich hatte den Popen schon öfter gesehen. Er hatte mehrere Dörfer zu versorgen. Er kam auf einem Reitpferd, um die Gemeinden zu besuchen. An seinem Aussehen und der Kleidung war er sofort zu erkennen, an dem Bart, dem ungeschorenen Haupthaar und dem langen mantelähnlichen Gewand. Er wohnte im Nachbardorf und betrieb dort neben seinem priesterlichen Dienst noch eine Gastwirtschaft, wahrscheinlich weil die Gemeinden, die ja sehr arm waren, nicht im Stande waren, für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Zu ihm schickte ich unseren bulgarischen Dolmetscher hinüber und ließ ihn um eine schriftliche Genehmigung bitten, dass wir am 1.Weihnachtstag den Gottesdienst in seiner Kirche halten durften. In der griechisch-orthodoxen Kirche wird dieses Fest erst am 6.Januar – unserem Epiphaniasfest – gefeiert. Es war also am 1. Weihnachtstag kein Gottesdienst in seiner Gemeinde in der dortigen Kirche. Der Dolmetscher kam nach einiger Zeit mit einem Schriftstück zurück, vom Popen unterzeichnet und mit dem Kirchensiegel versehen. Ich konnte aber diese Bescheinigung nicht lesen, weil sie in makedonischer Schrift geschrieben war. Ich musste sie mir übersetzen lassen. In der Kommandantur unserer Einheit, die im Schulgebäude eingerichtet war, hatte der Dolmetscher sie mir übergeben. Wie gewöhnlich stand auch an diesem Tag eine größere Anzahl von Bauern aus dem Dorf herum. Sie bewunderten und begutachteten unsere Fahrzeuge und Maschinen. Seitdem wir in dem Dorf einquartiert waren, war das der Versammlungsplatz der männlichen Dorfbewohner geworden. Die Männer kümmerten sich nämlich wenig um die bäuerliche Arbeit auf dem Hofe. Das wurde fast alles den Frauen überlassen. Die Männer trafen sich auf diesem Platz, um Neuigkeiten zu erfahren und Nachrichten auszutauschen. Die meisten von ihnen waren mir schon bekannt, aber mit der sprachlichen Verständigung war es immer noch schwierig. So ging ich einfach an diese Gruppe von Männern heran und gab dem Bauern zu meiner linken Seite das Schriftstück zu lesen. Er gab es dem Nächsten weiter. Sie schüttelten aber alle den Kopf. Sie konnten nämlich nicht lesen. So gab jeder das Schreiben an den Nächsten weiter. Bis es dann an einen älteren Bauern kam mit einem sehr charaktervollen Gesichtsausdruck. Er konnte lesen und schreiben, denn er war Unteroffizier in der österreichisch-ungarischen Armee im 1. Weltkrieg gewesen. Er las das Schreiben durch und löste das Schweigen. Beinahe begeistert rief er aus: Germanski dobro, Germanski in kirsia. Die Deutschen sind gut, sie wollen in unsere Kirche. Es gab ein lebhaftes Diskutieren und Gestikulieren. Wir waren in der Achtung dieser Leute gestiegen. Schließlich meldete sich einer von ihnen zu Wort: ihr nix kirsia, ihr nix Popen. Ihr könnt keinen Gottesdienst halten, weil ihr keinen Popen habt. Er machte noch durch Gesten deutlich, was seiner Meinung zum Aussehen eines Popen nötig war, die Kopfbedeckung, das lange Gewand, der lange Bart und die ungeschorenen Haare. Ich zeigte daraufhin auf mich und sagte: Ich bin ein Pope. Es gab darauf bei allen ein Riesengelächter. Einen Popen in dieser Aufmachung und dann noch in Uniform hatten sie noch nicht zu sehen bekommen. Schließlich gaben sie sich doch mit meiner Beteuerung zufrieden, dass ich der Pope sei.

Auf meine Bitte hin holten sie sodann den Küster, er sollte mir die Kirche aufschließen. Ich wollte mir einen Eindruck von dem Kirchenraum verschaffen. Ich hatte bereits solche Kirchen in Deutschland gesehen. In Berlin, Bad Ems, Wiesbaden, und auch griechisch-orthodoxe Gottesdienste besucht. Aber in dieser kleinen Dorfkirche war alles wesentlich schlichter, geradezu primitiv. Es gab – wie in den meisten griechisch-orthodoxen Kirchen – keine Bänke und keine Orgel. Der Kirchenraum war von dem vorderen Teil ganz abgetrennt durch eine Bilderwand, bemalt mit Heiligenbildern, den Ikonen. In der Mitte der Bilderwand befand sich eine große Flügeltür. Hinter dieser Tür stand ein einfacher, schlichter Tisch. Die Flügeltür wurde nur geöffnet zur Sakramentsausteilung. Dann trat die Gemeinde an den Tisch heran, um Brot und Wein zu empfangen. Ich entschloss mich, für unseren Gottesdienst den Raum hinter der Bilderwand und den Sakramentstisch nicht zu benutzen. Vor der Bilderwand wurde ein Tisch aufgestellt und mit einer weißen Decke belegt. Zwei Leuchter waren auch noch irgendwie aufzutreiben. Auch Tannengrün konnte ich bekommen. Aus der Heimat hatten wir einen ganzen Waggon mit Tannen auf dem Nachschubwege erhalten. Davon konnten wir einige Zweige verwenden für den Altar- und Kirchenschmuck. Die italienischen Gefangenen, zu denen ich ein gutes Verhältnis hatte, trugen aus dem Kantinenraum die Bänke in die Kirche. Dabei habe ich wohl auch den Wunsch geäußert, dass es wohl sehr schön wäre, wenn wir noch ein Kreuz hätten für den Tisch, den wir vor die Bilderwand gestellt hatten. Es war für mich eine große Überraschung, als am Abend vor dem Gottesdienst Italiener kamen und mir ein schönes Holzkreuz überreichten, das sie in ihrer Freizeit gearbeitet hatten. Sie baten mich dabei, ich möchte ihnen auch noch zu Weihnachten eine Messe halten. Ich hätte das auch sehr gern getan. Aber das war unmöglich. Die Italiener waren ja alle römisch-katholisch. Die Messe wurde damals noch in der lateinischen Sprache gehalten. Es fehlten mir dazu die Messeformulare. Außerdem beherrschte ich die italienische Sprache nicht. Nach katholischem Kirchenrecht wäre ich überhaupt nicht befugt gewesen, eine Messe zu halten. In diesem Punkt stand ich plötzlich an den Grenzen ökumenischen Wirkens.

Umso mehr war ich überrascht, dass sich plötzlich auf ganz andere Weise noch eine Tür zur römisch-katholischen Kirche öffnete. Ich ging am Tage vor dem Gottesdienst über den Flugplatz, um mir Gedanken für die Predigt durch den Kopf gehen zu lassen. Unterwegs traf ich einen Soldaten, der mir schon manchmal begegnet war. Wir hatten gelegentlich auch schon einige Worte miteinander gewechselt. Er gehörte nicht direkt zu unserer Luftwaffenkommandantur. Er war bei der Luftnachrichtentruppe, die den Funk-, Fernsprech- und Fernschreibverkehr durchzuführen hatte. Er war Obergefreiter. Dieser Kamerad redete mich an und sprach von dem Gottesdienst. Er fragte mich, ob er bei dem Gottesdienst die Orgel spielen dürfte. Ich sagte ihm, dass in der Kirche gar kleine Orgel vorhanden ist. Das wusste er auch. Aber er meinte, dass er das schon hinkriegen würde. Ich fragte ihn dann: Kannst du denn überhaupt Orgel spielen? Darauf antwortete er mir: Ja, ich bin Professor für katholische Kirchenmusik. Also ein evangelischer Weihnachtsgottesdienst in einer griechisch-orthodoxen Kirche, wobei der musikalische Teil von einem Professor für katholische Kirchenmusik gestaltet wurde. Jetzt schien es doch noch ein wahrhaft ökumenischer Gottesdienst zu werden.

Als der 1.Weihnachtsfeiertag herangekommen war, dachte ich doch mit einem gewissen Bangen an die mir bevorstehende Aufgabe. Das kleine Glöcklein der Kirche wurde vom Küster geläutet. Ich war frühzeitig zum Gotteshaus gekommen um festzustellen, dass alles richtig vorbereitet war. Der Kirchenmusikprofessor hatte es tatsächlich hingekriegt. Es war auf der Empore über dem Empfang ein kleiner Tisch aufgestellt. Auf diesen Tisch war ein sehr großes Akkordeon gelegt. Davor konnte er sich auf einen Schemel setzen, sodass er mit beiden Händen auf den Tasten spielen konnte. Ein Kamerad musste das Instrument von der anderen Seite des Tisches aus hin und her bewegen, sodass die Luft die Töne auf der Tastenseite zum Klingen brachte. Das Instrument hatte dann etwa den Klang eines Harmoniums. Diese großen Instrumente waren in größerer Anzahl den Luftwaffeneinheiten zur Wehrbetreuung mitgegeben worden. Es hätte wohl kaum jemand daran gedacht, dass eines dieser Instrumente einmal bei einem Gottesdienst in einer griechisch-orthodoxen Kirche benutzt würde.

Als ich noch mit den Vorbereitungen beschäftigt war, wunderte ich mich darüber, dass ein jüngerer Bauer aus dem Dorf, den ich auch schon etwas kannte, mich ständig in der Kirche begleitete und dass er dabei immer etwas vor sich hin murmelte. Ich konnte mir nicht erklären, was er eigentlich wollte. Schließlich ging er in die Sakristei und holte ein Buch herbei, das einen sehr altertümlichen Eindruck machte. Er wollte mir zeigen, dass er lesen konnte, schlug das Buch auf und fing an, daraus zu lesen. Es waren Texte, die sehr alt waren, geschrieben in altmakedonischer Schrift. Selbst für die anderen Dorfbewohner waren die uralten Texte schwer verständlich. Jetzt fiel mir von meinem Studium her ein, dass in den griechisch-orthodoxen Kirchen neben den Popen noch Lektoren – Gemeindemitglieder, die lesen und schreiben konnten – im Gottesdienst mitwirken. Sie lesen die uralten heiligen Texte aus der Bibel und die Gebete im Gottesdienst, um den Popen bei seinem Dienst zu unterstützen. Dieser Bauer und Lektor meinte nun, auch bei unserem Gottesdienst sei sein Mitwirken notwendig. Ich hatte Mühe und Not, ihm deutlich zu machen, dass er bei diesem Gottesdienst nicht mitwirken könne. Er ging dann ein wenig betrübt zu den Dorfbewohnern zurück, die sich in großer Anzahl vor der Kirche versammelt hatten. Ich habe bei diesem Vorgang noch einmal die Grenzen ökumenischen Handelns erkennen müssen. Die Mitarbeit von Lektoren ist ja in den östlichen Kirchen uralte Tradition. Nach dem Krieg ist es auch in unseren evangelischen Kirchen mehr und mehr dazu gekommen, dass Männer und Frauen in den Gottesdiensten die biblischen Texte lesen und damit sich als Lektoren betätigen. Was in den östlichen Kirchen uralter Brauch war, bürgert sich auch in unseren Gemeinden mehr und mehr ein. Keine Pastorenkirche, sondern eine lebendige Gemeindekirche soll ja auch dadurch den Gottesdienstbesuchern sichtbar gemacht werden.

Für die Bewohner des makedonischen Dorfes war dieser Gottesdienst der deutschen Soldaten in ihrer Kirche eine Sensation. Wenn sie, die sich in großer Zahl draußen vor der Kirche versammelt hatten, auch nicht mit hinein kommen konnte, so wollten sie wenigstens draußen vor der Tür ein wenig davon mitbekommen, was die Deutschen wohl in ihrer Kirche machten.

Inzwischen waren die Soldaten und Offiziere – soweit sie dienstlich abkömmlich waren – vor der Kirche versammelt. In militärischer Formation waren sie angetreten. Dem Kommandanten wurde Meldung gemacht. Dann gingen sie alle in die Kirche hinein. Nur wenige hatten sich ausgeschlossen. Wir sangen die alten bekannten Weihnachtslieder. Ich weiß heute nicht mehr, welchen Predigttext ich meiner Predigt zugrunde gelegt habe. Mit Durchhalteparolen und Klageliedern über die notvolle Situation, in der wir uns fern von der Heimat und unseren Familien befanden hätte ich bei der Soldatengemeinde keinen Anklang finden können. Es ging mir darum, deutlich zu machen, dass das christliche Weihnachtsfest kein Fest ist, das man eigentlich nur in guten glücklichen Tagen im Kreise der Familien feiern kann. Die christliche Botschaft dieses Festes wird gerade in notvollen Zeiten und im Blick auf eine ganz unsichere Zukunft zu einer helfenden und befreienden Kraft. Gott will uns durch die Ankunft Christi in einer friedlosen Welt bezeugen, dass er teilhaben will an unseren alltäglichen Anfechtungen und Bedrängnissen.

Vielleicht ist bei diesem Gottesdienst manchem aus unserer Einheit erst aufgegangen, dass in ihrer Mitte ein Pastor war und dass sein Dienst als Seelsorger genauso wichtig war, wie die Funktion der Techniker und Spezialhandwerker in der Organisation eines großen Militärflugplatzes. Ich weiß nicht, ob heute nach 44 Jahren noch Kameraden leben, die sich an diesen Weihnachtsgottesdienst in einer griechisch-orthodoxen Kirche in Makedonien erinnern können. Ein Weihnachtsgottesdienst mit ökumenischen Aspekten. Für mich wird er, solange ich lebe, unvergesslich bleiben, gerade dann, wenn wir jetzt wieder diesem Fest entgegen gehen und die unüberhörbare Botschaft dieses Festes vom Frieden auf Erden klar und deutlich verkündet werden muss in einer Welt, in der die Menschen sich durch Feindschaft, Zank, Streit und Unfrieden gegeneinander treiben lassen, Gottes Schöpfung zerstören und sich gegenseitig kaputtmachen.

 

Karl-Bruno Haferburg, Pf.i.R., Göttingen

 

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