Willkommen
Hitzdorf
Bewohner
Einwohner Dorf A-M
Einwohner Dorf N-Z
Einwohner Abbauten
Einw.1 Heimatkreis
Einw.2 Heimatkreis
Einw.3 Heimatkreis
Fotos
Schule
Video "Flucht"
Berichte "früher"
Ostdeutsche Zeitung
Erdmann - Hitzdorf
Erdmann - Lehre
Jugendzeit in Hitzd.
Jugendstreiche
Helmut,Hannes,Partei
Noch mehr aus Hitzd.
Ber. Schulz bis 45
Bericht Schulz ab 45
Flucht Otto Meyer
Verschleppung Hannes
Fotoalbum Ferner
Landw.schule
Mein Heimatdorf
Reisetagebuch Haack
Berichte von "heute"
Verluste
Familie Meyer
Fam. Helmut Meyer
Hitzdorfer Familien
Hitzdorfer Fam. A-E
Hitzdorfer Fam. F-G
Hitzdorfer Fam. H-K
Hitzdorfer Fam. L-M
Hitzdorfer Fam. N-R
Hitzdorfer Fam. S
Hitzdorfer Fam. T-Z
Ortsteil Kleeberg
Besuche in Hitzdorf
Reisegruppe Anklam
Wiedersehen/Treffen
Infos Hitzdorf
Kr. Arnswalde
Weitere Orte
Gästebuch
Hilfe! Wer kennt ...
Kontakt/Impressum
Inhalt

Hannes Meyer - Bericht von Dez. 1944 bis Dez. 1947

Im Dezember 1944 haben Helmut, Luise, Fritz und Hannes Meyer sich das letzte Mal alle gemeinsam auf dem Hof in Hitzdorf gesehen.

 

 

Wohnhaus der Familie Helmut Meyer in Hitzdorf

 

Fritz hatte ungefähr zwölf Tage Genesungsurlaub und war zu Hause. Hannes war in dieser Zeit nur drei Tage auf dem Hof,  dann wurde er mit Dringlichkeitsbefehl zum Ostwall zurück beordert.

In diesen drei Tagen waren sie einmal alle mit dem Pferdeschlitten in Göhren bei Tante Meta, und sie waren gemeinsam zur Jagd. 

Helmut Meyer hat dann beschlossen, dass sie jetzt Weihnachten feiern, weil keiner weiß, wann und ob sie sich zu den Festtagen sehen werden. Helmut und Hannes mussten anschließend wieder zum Arbeitsdienst. Sie waren im Raum Dragebruch – Glashütte eingesetzt, und mussten die Straßen vom Schnee räumen, damit die Wehrmacht und die Flüchtlingstrecks durchfahren konnten. Und Hannes musste wieder Fahrten zur Front durchführen.

Weihnachten 1944 waren sie nicht zu Hause in Hitzdorf.

In der Zeit war Hannes in der Nähe von Byalistok stationiert. Das Quartier war bei einem Ehepaar in einem Forsthaus, man brauchte etwa eineinhalb bis zwei Stunden mit dem Gespann vom Bahnhof Byalistok dort hin. Vom Depot am Bahnhof wurde Holz nach Litauen gebracht. Es wurde zum Bau von Knüppeldämmen und für die Autos mit Holzvergasern benötigt. Die Hinfahrt begann nachmittags um 16 Uhr, dann waren sie morgens gegen 10 Uhr am Depot in Litauen. Während einheimische Arbeiter sich um die Ladung kümmerten, konnten die Jungs und die Pferde ausruhen. Es brannten dort immer einige Lagerfeuer, dort konnten sie sich im Freien etwas aufwärmen und ein bisschen dösen. Nachmittags ging es um die gleiche Zeit zurück. Auf dem Rückweg waren immer Kisten mit „Heereswichtigen Gütern“ auf dem Wagen. Für ihre Fahrten mussten sie einen Knüppeldamm benutzen, den die OT (Organisation Todt) extra durch die moorige Gegend geschoben hatte. Die Fahrten mussten grundsätzlich im Dunkeln durchgeführt werden, die Wagen wurden mit weißen Planen abgedeckt, die Pferde hatten weiße Decke und die Jungs Tarnanzüge. Überwacht wurden die Fahrten von der Militärpolizei, der sie auch unterstellt waren. Die benutzten aber mit ihren Autos eine befestigte Straße.

Die Jungs mussten nach jeder Fahrt vorschriftsmäßig Meldung machen, wurden immer nach besonderen Vorkommnissen gefragt.

Wenn die Offiziere der Militärpolizei vor Ort waren, haben sie immer dafür gesorgt, dass die Jungs vernünftiges Essen bekommen.

So war es auch am 2. Weihnachtstag 1944. Der Koch, er kam aus der Gegend von Lippehne, hatte irgendeine Pampe aus Dörrgemüse in die Kochgeschirre der Jungs gefüllt, und oben drauf einen Löffel Pudding.

Hannes kam vom Essen holen und der Militärpolizist fragte ihn, ob er sich denn ordentlich was geholt hätte zu Weihnachten. Hannes hat rumgedruckst, ihm seinen Fraß gezeigt und etwas dazu gesagt, so in der Art: von ordentlich könnte man bei dem Fraß wohl nicht sprechen. Der Offizier ist daraufhin sofort zum Koch, hat ihn fürchterlich angeschrien und gezwungen, die vorgesehene Verpflegung zu verteilen. Wahrscheinlich wollte er die guten Sachen für sich behalten. Aber so haben die Jungs wenigstens eine vernünftige Mahlzeit an den Weihnachtstagen erhalten.

Ihre Fahrten zwischen Byalistok und Litauen gingen durch ein großes Waldgebiet, in dem damals schon oft Partisanen Anschläge verübten. Es war aber der kürzeste Weg. Die Militärpolizisten haben weite Umwege in Kauf genommen, sind nie durch diesen Wald gefahren, und waren immer wieder verwundert, dass den Jungs unterwegs nichts passiert ist. Hannes hat beobachtet, dass er am Bahnhof in Byalistok immer von dem gleichen Arbeiter in Empfang genommen wurde, der sich als erstes um die Pferde kümmerte. Dabei hat er einen Zettel aus dem Koppel des einen Pferdes geholt. Der wurde in Litauen von einem Arbeiter dort versteckt, denn auch beim Umladen in Litauen hat Hannes bemerkt, dass sich auch dort jedes Mal ein Arbeiter am Koppel zu schaffen machte. So sind sie vermutlich als Kuriere von den Zwangsarbeitern benutzt worden, und wurden daher von den Einheimischen in den Wäldern nicht angegriffen. Vielleicht hat ihnen dieser Umstand das Leben gerettet. Andere Trupps hatten nicht so viel Glück. Bei der letzten Rückkehr nach Byalistok war die Frau von der Försterei in den Wald zur Abbiegung gekommen und hat dort auf die Jungs gewartet. Sie hat sie gewarnt und ihnen gesagt, dass sie nicht mehr ins Quartier kommen dürfen. Keine weiteren Erklärungen. Die Frau hat geweint und die Jungs umarmt, dann ist sie zurück in die Försterei. Die Jungs sind weiter gefahren zum Bahnhof nach Byalistok, aber das Depot war schon gesprengt. Der Bahnhofsplatz war voll mit deutschen Soldaten, und ihre Gespanne wurden beschlagnahmt, weil sie für militärische Zwecke dringend gebraucht wurden. Die Jungs, etliche andere vom Arbeitsdienst und einige Soldaten sollten mit einem Transportzug zurück fahren. Der Bahnhof war aber gar nicht mehr in Betrieb, und so hat sich die Gruppe zu Fuß auf den Weg gemacht. Unterwegs haben sie versprengte Pferde aufgegriffen und wieder angespannt. Sie sollten nach Radom in der Tuchler Heide, dort war ein großer militärischer Eisenbahnknotenpunkt, der noch in Betrieb war. Aber sie kamen nicht über die Weichsel. Dann sind sie Richtung Süden und haben es auf Höhe Lublin versucht. Auch vergebens, und es ging weiter Richtung Süden. Radom lag aber nordwestlich von Lublin, und als Hannes fragte, warum sie die Richtung geändert haben, hat ein Soldat (den Rang weiß er nicht mehr) ihm gesagt, dass all die kleinen Pony-Gespanne, die er hinten am Horizont sehen kann, Russen sind, die ihre Granatwerfer für die nächste große Offensive in Stellung bringen.

Darum mussten sie nach Süden fahren, um noch irgendwo eine Möglichkeit zu finden, über die Weichsel zu kommen, und dann zurück nach Deutschland. Erst kurz vor Krakau kamen sie ungehindert an den Fluss. Weil es keine Brücke gab, mussten sie über das Eis. Die Weichsel war auch hier noch nicht richtig zugefroren, dicke Eisschollen hatten sich ineinander verkeilt und bildeten eine lückenhafte Oberfläche. Sie haben einen Tag dort gelegen, dann mussten sie aber weiter. Da man immer noch nicht wusste, ob das Eis hält, musste einer voran, um es auszuprobieren. Sie haben Hannes geschickt, weil er von zu Hause Erfahrung mit dem Arbeiten auf dem Eis hatte. Er musste eine große Holzstange quer vor sich her tragen und über die Eisschollendecke der Weichsel gehen. Zwei Männer sind ihm gefolgt, der Rest hat am Ufer gewartet. Diese Tour hat er bis heute nicht vergessen. Die unbeschreibliche Angst, wenn das Wasser, je nach Belastung, immer wieder zwischen den zusammen geschobenen Eisschollen heraus schoss. Nachdem sie das andere Ufer erreicht hatten, sind die anderen ihnen gefolgt.

In der Nähe von Thorn wurden sie dann neu aufgestellt. Wieder ging es zwischen der Front und einem neuen Stützpunkt hin und her.

 

Am 6.1.1945 musste Hannes dann nach Neu Plagow zur Musterung – mit 14 Jahren, einen Monat vor seinem 15. Geburtstag. Er wurde als tropentauglich eingestuft und sollte eigentlich nach Ungarn. Dann jedoch zum Weichselkorps.

Dadurch war er zufällig zur Beerdigung seines Onkels Willi Krause am 8.1.1945 zu Hause. Der war in Elbing im Lazarett gestorben, und der Stiefvater, Major Hans Boenke, hatte durchgesetzt, dass die Leiche überführt wurde.

Die Trauerfeier fand in Richardshof statt, die jüngste Tochter Erika wurde am Sarg ihres Vaters getauft. Die Beerdigung war in Raakow auf dem Friedhof.

In diesen Tagen traf er auch seinen „Freund“ Schleuder aus Schwachenwalde, zwei Jahre älter als er selbst, dicke HJ-Armbinde. Der war ganz erstaunt, Hannes zu sehen und fragte auch prompt: Was machst du denn noch hier? Bist du immer noch nicht weg?

Schleuder sen. war ein hoher Nazi, und hatte somit wohl die Möglichkeit, seinen eigenen Sohn zu schonen. Zumal der ja auch sehr engagiert in der HJ tätig war. Andere konnten dafür gern ein paar Jahre jünger sein, wenn man sie an die Front schickte. Hauptsache, es traf nicht die eigene Familie.

Aus dem Freundeskreis von Hannes haben etliche mit 15 Jahren Stellungsbefehl erhalten, auch Horst Frank aus Kleeberg, und der hatte sogar noch eine kaputte Hüfte. Aber Hannes war der einzige 14jährige unter ihnen.

Dann musste er am 9. oder 10.1.1945 los zum Weichselkorps. Das hat er aber Gott sei Dank nie erreicht. Auf dem Weg dorthin ist er bei Landsberg wieder der Organisation Todt zugeteilt worden. Der alte Futtermeister, der ihn vom Arbeitsdienst her kannte, hat ihn abgefangen und zusammen mit drei anderen Jungs für Gespanndienste angefordert. Sie mussten wieder Bauholz für den Stellungsbau zur Front bringen, und auf dem Rückweg hatten sie wieder Kisten mit der Aufschrift „Heereswichtige Güter“ auf dem Wagen.

Die waren jetzt teilweise auch mit Privatadressen versehen. Zwei Namen konnte er sich merken: Scheer und Jacobs. Scheer wohnte jetzt in der Umgebung von Woldenberg und war irgendein Sonderführer in der Ukraine. Die Kisten gingen an seine Familie. Vorher war Scheer der Besitzer von Baumgarten gewesen, hat das Gut aber runter gewirtschaftet und musste es verkaufen, um einer Zwangsversteigerung zu entgehen. Und Jacobs war ein Gauleiter und kam auch aus dieser Gegend. Sein Gespann wurde einmal von einem Offizier einer Gebirgsjägereinheit beschlagnahmt, weil der seine Leute damit zum nächsten Einsatz bringen wollte. Sie sollten nach Rummelsburg, und dort helfen, die eingekesselten Truppen zu befreien. Die Soldaten haben die Kisten abgeladen und dabei sind einige kaputt gegangen. Es befanden sich überwiegend Kunstgegenstände in den Kisten, auch viele wertvolle Sachen aus Kirchen.

Bei diesen Fuhren in der zweiten Januarhälfte gerieten sie oft zwischen die deutschen Truppen und die vorrückenden russischen Panzerspitzen. Eines Nachts haben sie sich im Schneesturm auf einem Bauernhof versteckt, und Hannes hat die Abfahrt der anderen verpasst, weil er neben seinem Gespann eingeschlafen war. Als er aufwachte, war er allein. Er wusste natürlich auch nicht so genau, wo er gerade war. Er ist dann einfach los, und hat kurze Zeit später einen Mann entdeckt, der an einem Telegrafenmast aufgehängt war und noch lebte. Da er ein Gespann hatte, konnte er ihn schwer verletzt los schneiden.

Dann traf er noch einen Soldaten, und sie sind zu dritt weiter. Sie kamen in eine Kontrolle und wurden nach der Parole gefragt. Die kannten sie natürlich nicht. Hannes hat seine Geschichte erzählt, und glücklicher Weise war er auf eine Einheit gestoßen, in der man diesen aufgehängten Soldaten kannte. Die Soldaten haben ihren Kameraden mitgenommen. Hannes ist dann allein weiter gefahren, und hat nach drei bis vier Tagen seine alte Truppe zufällig wieder getroffen.

In dieser Zeit musste Hannes auch oft Schneeräumdienst machen. Da ist er zwischen dem 23. und 25.Jan.1945 noch einmal in Göhren bei seinen Verwandten gewesen. Bei Gustav und Meta Schmidt (geb. Meyer aus Hitzdorf, eine Schwester seines Vaters).

 

 

Dorfstraße in Göhren - Blick vom Hof Schmidt zur Mühle von Wilke

 

Das Dorf war schon voll. Die Trecks konnten nicht mehr weiter. Die Wagen mussten auf der Straße stehen bleiben, die Menschen und die Pferde hatte man, so gut es ging, auf den Höfen untergebracht. Dort hat er auch die Verwandten aus dem Warthegau getroffen. Anneliese  Lieske und Familie waren mit 5 bis 6 Pferden da, sie kamen aus Kirchdorf bei Kolmar, das liegt auf der früher polnischen Seite des Warthegaus. Dort haben seine Eltern im Sommer oft junge Pferde auf Weide gegeben. Er hatte diese Verwandten lange nicht gesehen, denn bei seinem Dienst ist er nur bis Scharnikau gekommen.

Stationiert war er jetzt in der Nähe von Driesen. Seine letzte Fahrt sollte eigentlich über Hochzeit nach Kreuz gehen. Er hatte Sprengstoff für die Netzebruchbrücke auf dem Wagen.

Treffpunkt zum Umladen war eine Gaststätte „ Zum Sechser“ (Zum Groschen?). Der alte Futtermeister hatte ihn vorher noch gewarnt und ihm gesagt, dass er diese Gaststätte vorsichtig anfahren soll. Wenn die Fenster offen stehen und die Gardinen raus wehen, dann nichts wie weg. Dann sind die Russen schon da. Und dann so schnell wie möglich den Sprengstoff und die Uniform los werden und Zivilkleidung besorgen. Als Hannes dort ankam, hat er die Gaststätte genau so vorgefunden und sie im weiten Bogen umfahren. Irgendwo hat er unterwegs auf einem Bahnhof angehalten, und dort nach Kleidung gesucht. In einem Arbeitsspind hat er warme Winterkleidung der Eisenbahn gefunden. Es war zwar Frauenkleidung, aber sie passte einigermaßen in der Größe, vor allem der gefütterte Wintermantel. Diese Kleidung hat ihn später noch einmal in Bedrängnis gebracht. In der Russenzeit sollte er für die Russen auf einem Bahngelände Weichen stellen. Er konnte es aber nicht. Das hat man ihm nicht geglaubt, weil er doch Eisenbahnerkleidung trug. Inzwischen hatten die Russen natürlich gelernt, die einzelnen deutschen Uniformen zu unterscheiden. Auch Wassil hat ihn im Lager in Woldenberg noch auf diese Uniform angesprochen. Er war sehr erstaunt, denn er wusste ja genau, dass Hannes nie bei der Bahn gearbeitet hat.

Hannes ist dann von Kreuz in Richtung Norden gefahren, über Wiesental, Marzelle und Regenthiner Teerofen nach Heidekavel. Dann über eine Försterei bei Bernsee und Mohnwerder in  Richtung Heimat. Überall in der Umgebung waren schon russische Soldaten. Er kam am Ortsschild Syringe vorbei und ist dann zwischen Hagelfelde und Reiherort in den Wald gefahren.

Kurz vor Plagow ist er den Russen begegnet. Sie haben ihn verfolgt, und er hat das Pferd einfach weggejagt, um sie auf eine falsche Fährte zu schicken. Sein Plan ging auf, die Russen haben das Pferd verfolgt, und Hannes konnte sich verstecken. Er ist wieder in den Wald und zu Fuß weiter bis nach Neu Plagow. Dort ist er von hinten an die Häuser ran, es war alles dunkel, aber er  hat ein Kind weinen gehört. So wusste er, dass noch Menschen im Haus sind. Er hat leise geklopft (bei Fam. Hammermeister, sie haben vorher in Hitzdorf gewohnt) und hat sich erkundigt, wie die Lage hier ist. Die Frau war ganz aufgeregt und hat ihn nicht rein gelassen, weil die Russen schon da gewesen waren. Sie hatte furchtbare Angst.

Hannes ist dann über Ehrenwiese, Frihiet und Prittstein in den letzten Januartagen 1945 nach Hitzdorf gekommen, und ist von hinten um den See und dann hoch zum Haus. Bis Hitzdorf waren die Russen aber noch nicht vorgestoßen.

Sein Vater Helmut kam am 29.Januar 1945 abends vom Arbeitsdienst nach Hause, er ist einige Stunden vor den Russen da gewesen. Er kam auch aus Richtung Woldenberg und ist die Holzrückwege durch den Wald über Hermannsthal lang gefahren, weil auf den Straßen  unterwegs auch überall schon die Spitzen der Russen waren. Er hat die beiden anderen Gespanne, die auch auf dem Heimweg waren, mit durch den Wald geschleust. Das waren der Pole von Petznick und ein Arbeiter vom Gut Augustwalde.

Die Wagen für die Flucht waren fertig beladen, aber es gab immer noch keine Treckerlaubnis und die Straßen waren auch so voll, dass es keine Möglichkeit zur Flucht mehr gab.

Opa Hohensee hat in Arnswalde auf die Hitzdorfer gewartet. Sie wollten sich auf seinem Hof am Hohenbrucher Weg treffen. Er hat immer Ausschau gehalten nach den beiden Gespannen: 2 Braune (Max und August) und 2 Schimmel (Lore und Laura), die Braunen beide links als Wagenpferde. Diese Gespanne hätte er schon von Weitem erkannt, es gab diese Kombination nicht oft, schon gar nicht zweimal hintereinander. Aber sie kamen nicht!

Auch für Arnswalde gab es keine Treckerlaubnis. Aber Flüchtlinge aus dem Warthegau hatten ihre Treckwagen und die Pferde bei Ferdinand Hohensee auf dem Hof stehen lassen und hatten die Flucht mit dem Zug fortgesetzt. Als dann bekannt wurde, dass Hitzdorf von den Russen besetzt war, ist Ferdinand Hohensee mit seiner Frau, der jüngsten Tochter Hildegard und seiner Enkelin los gefahren. Dazu hat er die Flüchtlingsgespanne aus dem Warthegau genommen, denn sie hatten ja Gemeindekennziffern, für es schon Treckerlaubis gab. So ist er unbehelligt über die Oder bis in die Nähe von Demmin gekommen. Sie haben später in der Nähe von Pasewalk gesiedelt.

 

In der Nacht vom 29. auf den 30.1.1945 sind die ersten Russen in Hitzdorf gewesen, vom 30. auf den 31.Jan. war das Dorf dann vollständig besetzt. Sie waren erst noch ca. 1 Woche  zu Hause, dann mussten sie das Haus räumen und zu Gerlachs. Die Russen hatten sofort alle Pferde weggebracht, so dass keine Flucht möglich war.

Hannes hat versucht, den toten russischen Pferden die Geschirre abzunehmen, aber es war nicht so einfach. Sie hatten alle Kummets um, und Hannes kannte nur Brustblattgeschirre. Außerdem war alles steif gefroren. Der alte Herr Strohschön hat ihm dann gesagt, dass er erst das Kummet drehen muss, so dass die Rundung hinter den Ohren ist, und dann versuchen muss, es über den Kopf zu ziehen. Es hat auch geklappt. Aber er wollte lieber deutsche Geschirre, weil er sich damit besser auskannte. Darum ist er in dieser Zeit mit Gerda Gerlach zusammen nach Kleeberg gegangen. Sie wussten, dass dort viele erschossene Pferde lagen und wollten sich heimlich weitere Geschirre besorgen. Auf dem Weg zurück haben die Russen Hannes gefangen genommen und er musste mit anderen zusammen Bunker und Stellungen für die Russen bauen, für die Angriffe auf Arnswalde. Die meisten Männer waren zu diesem Zeitpunkt irgendwo im Dorf eingesperrt, auch sein Vater. Er war beim Stellungsbau nicht dabei, es waren überwiegend Jugendliche.

Besonders schlimme Kämpfe gab es am 13. Februar 1945. Da waren sie zum Stellungen bauen am Bahndamm. Die Russen haben so starke Geschütze eingesetzt, dass die Bahngleise und Bahnschwellen nach den Treffern durch die Luft geflogen sind. Die Jungs haben sich auf die Erde geworfen und sich gegenseitig festgehalten, damit der Luftzug sie nicht mitgenommen hat.                     

Die meisten Hitzdorfer Männer wurden am 16.2.1945 nach Schwachenwalde gebracht, und dort in einem Keller eingesperrt.

Helmut Meyer, Fritz Völker, Hermann Erdmann, Wilhelm Lukow und Hermann Schröder wurden als erste aus diesem Keller rausgeholt. Sie waren schon alt und die Gebrechlichsten dort. Sie wollten nicht von den anderen weg, wurden aber gezwungen. Das hat Herr Ferner so erzählt, der im Keller zurück geblieben ist und die Verschleppung überlebt hat. Seitdem wurde keiner von ihnen von Hitzdorfern oder Verwandten wieder gesehen.

Helmut Meyer soll die Verschleppung nach Russland mitgemacht haben und dort in einem Lager südlich von Moskau verhungert sein. Seine Familie hat einen Brief von einem Heimkehrer aus diesem Lager bekommen. Er hat berichtet, dass Helmut Meyer so schwach war, dass er nicht arbeiten konnte und darum entlassen werden sollte. Er hat aber noch die Ruhr bekommen und ist dann an Herzschwäche gestorben. Dieser Mann war sich ganz sicher, dass es sich um Helmut Meyer aus Hitzdorf handelt. Er hat ihn nach seinen Angaben häufiger in Göhren bei seiner Schwester Meta Schmidt (geb. Meyer aus Hitzdorf) getroffen. 1953 wurde er vom Amtsgericht Bad Oldesloe für tot erklärt. Sein Todestag wurde gemäß den Angaben des Heimkehrers auf den 31.8.1945 festgesetzt.

 

Nach der Verschleppung der Männer sollte Hitzdorf ganz geräumt werden, das Dorf wurde zum Aufmarschgebiet für die wieteren Kämpfe um Arnswalde. Es waren viele Leute aus Regenthin und Jägersburg im Dorf, die ihre Flucht hier unterbrechen mussten, weil sie von den Russen eingeholt worden waren. Die sollten in ihre Dörfer zurück, und haben den Hitzdorfern angeboten, sie mitzunehmen, weil ja keiner wusste, wo er sonst hin sollte. Viele sind auch unterwegs schon in Reierort geblieben.

Hannes mit vielen anderen nach Regenthin gefahren. Er hatte ein altes lahmes Pferd und einen Wagen aufgetrieben, und konnte deshalb seine Mutter, Marie und Irene Schalow, Selma und Gerda Gerlach und wohl noch einige andere Frauen fahren und sie mussten nicht laufen. In Regenthin hat er dann zusammen mit Helmut Schmidt den alten Herrn Strohschön beerdigt. Sie hatten nicht einmal einen vernünftigen Spaten, und die Erde war gefroren. So konnten sie ihn nur verscharren. Er liegt an der Straße, gegenüber von Hildebrandt, dem ehemaligen Bürgermeister von Regenthin.

 

Zwei Tage nach ihrer Ankunft wurde er wieder von den Russen gefangen genommen. Erst hieß es, sie sollten alle Pferde zum Tränken rausführen, dann mussten sie die Tiere einfach los lassen und alle, die dabei waren, wurden einkassiert. Es war der 23.Febr.1945.

Sie mussten gemeinsam abmarschieren, es ging  über Jägersburg nach Diebelsbruch und dann ins Gefangenenlager nach Woldenberg. Sie haben also einen großen Umweg gemacht. Dabei sollten sie immer wieder singen. Besonders oft haben die Russen das Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gefordert. Sie wurden von Russen auf Pferden angetrieben und bewacht.

Einer hatte einem toten deutschen Soldaten einen Strick um die Beine gebunden und hat ihn die ganze Zeit hinter sich her geschleift, bis nichts mehr vom ihm übrig war. Und immer wieder gefordert, dass sie singen sollen.

In der Nähe von Diebelsbruch sind ihnen russische Panzer entgegen gekommen. Einer hatte ein nacktes totes Mädchen vorn auf den Panzer gebunden. Ein Volkssturmmann im Dorf hat seine Enkelin erkannt und hat mit einer Panzerfaust, die er noch versteckt hatte, diesen Panzer abgeschossen. Danach wurde er natürlich sofort erschossen, und alle anderen haben auch um ihr Leben gezittert. Bis Woldenberg war auch Erwin Erdmann  dabei, sie wurden dann im Lager getrennt.

 

Hannes wurde dort von Wassil (einem der Russenjungen, die Major Hans Boehnke aus dem Krieg mitgebracht hatte) am Eingang abgefangen und zu einem Wachsoldaten gebracht. Er trug jetzt eine russische Uniform und hat ihm gesagt, er muss bei diesem Soldaten bleiben, der würde ihn nicht schlecht behandeln. Er darf aber nicht weglaufen. Mehr könne er nicht für ihn tun. Wassil hat noch richtig Ärger mit den anderen Wachsoldaten bekommen, hat aber durchgesetzt, dass Hannes aus der Gruppe aussortiert wurde.

Der Soldat ist mit Hannes zu einem Gespann gegangen und er sollte bei den Pferden warten. Er hat als erstes eine Hand voll Sonnenblumenkerne bekommen. Da die Pferde sehr kurz ausgebunden und auch nicht richtig angespannt waren, hat Hannes sie losgebunden und erst einmal die Kreuzleinen neu verschnallt. Sie waren ganz falsch, jeweils eine Leine war auf ein Pferd geschnallt. Die umstehenden Russen haben ihn beobachtet und wurden misstrauisch. Ein Offizier hat ihn aufgefordert, damit auf dem Hof im Kreis zu fahren. Als er gesehen hat, dass es funktioniert, ist er zu Hannes auf den Bock gestiegen, hat sich die Handhabung der Kreuzleine zeigen lassen und es selbst ausprobiert. Dann hat Hannes einen Kanten Brot und einen Streifen Speck bekommen. Der Russe hat den Speck extra noch für Hannes zerschnitten, weil er davon ausging, dass er kein Messer mehr bei sich hatte. Hannes hatte aber immer noch sein Messer im Mantelsaum versteckt.

Der russische Soldat ist mit ihm auf das Gut Horn zwischen Jägersburg und Regenthin gefahren. Dort musste er arbeiten, hat aber von dem Soldaten auch immer etwas zu essen bekommen. Es sind noch zwei andere Jungs dazu gekommen, und sie mussten alles sauber machen. Nachts wurden sie auf dem Boden des Hauses eingesperrt, unten wohnten die Russen. Da die kräftig eingeheizt haben, war der Schornstein warm und die Jungs konnten die Kälte auf dem großen Boden einigermaßen ertragen.

Tagsüber mussten sie auf dem Hof alles zum Sammeln der Viehherden vorbereiten. Sie sollten einen großen Platz zwischen dem Stall und der Scheune einzäunen, hatten aber kein Material. Da haben sie einige Wagen des Gutes hintereinander aufgestellt, die Russen waren damit zufrieden. Als die ersten Pferde gebracht wurden, kam plötzlich Heinz Meyer mit einem Viehtreck auf das Gut. Er war mit seinem Vater Otto und der Familie beim Einmarsch der Russen in Hitzdorf auf dem Hof gewesen.

Nach kurzer Zeit waren mehrere hundert Pferde auf dem Hof - alle festgebunden, sie konnten sich nicht hinlegen, wurden unruhig, die alten sind einfach umgefallen und verendet. Sie mussten gefüttert und getränkt werden. Die Pferde wurden immer zu viert zusammen gebunden und zur Tränke geführt.

 

Es war ca. Ende Febr./Anfang März 1945. Auf diesem Gut waren auch Frauen aus Hitzdorf zum Arbeiten, mit denen er vorher nach Regenthin geflohen war. Frau Schalow und Gerda Gerlach haben dort gekocht. Seine Mutter war nicht dabei, sie war aber auch noch in Regenthin. In dieser Zeit mussten die Deutschen das Wasser für die Kühe mit Eimern aus einem Brunnen holen und zum Vieh tragen, obwohl ein See zum Tränken direkt am Gutshof war. Es war saukalt, es hat geregnet und keiner hatte Kleidung zum Wechseln. Trotzdem mussten alle den ganzen Tag über weiter machen. Reine Schikane – wie so oft in dieser Zeit. Sie mussten mit Gespannen in die umliegenden Dörfer und von den nicht abgebrannten Höfen Heu und Stroh für das Vieh holen. Einmal sind sie durch ein Dorf bei Gottschimmerbruch gekommen, da waren die Straßen voll mit toten Menschen. Die Russen sind einfach darüber gefahren, und haben die Jungs gezwungen, es genauso zu machen.   

 

Im  März 1945 ist Hannes noch einmal abgehauen, kurz bevor der erste Treck über die Brücke bei Hochzeit nach Russland gehen sollte. Er ist mittags weggelaufen, als alle auf dem Weg zur Gulaschkanone waren, und hat sich  im Schilf auf dem zugefrorenen Regenthiner See versteckt.

Nachmittags ist er bis zur Försterei Mohnwerder, dort konnte er ein Pferd einfangen und nach Hause reiten. Gegen Abend war er kurz vor Plagow, da haben Russen „Stoi“ gerufen, aber er hat nicht angehalten. Sie haben auf ihn geschossen. Er hat dann das Pferd weggejagt, und ist bei Wilke oder Schmidt in die Scheune und hat sich dort in einem Dreschkasten versteckt. Im Dunkeln ist er dann wieder los und wollte nach Seeberg oder Richardshof. Beim Silo in Plagow hat er zwei Frauenleichen gefunden, es waren Frau Hermann und ihre Tochter (Flüchtlinge, die auf Richardshof einquartiert waren). Dann waren wieder die Russen hinter ihm her. Hannes ist in Richtung Rönnfranz gelaufen, da war aber zu viel Betrieb auf dem Hof, dort konnte er sich nicht verstecken. Er kannte aber eine Kieskuhle in der Nähe, ist dort in ein Erdloch gekrochen und hat abgebrochene alte Kiefernzweige vor das Loch gezogen. Es war fürchterlich kalt, aber er musste dort den größten Teil der Nacht abwarten. Ganz früh morgens ist er nach Seeberg gelaufen, da war aber alles verriegelt. Er hat sich im Schafstall versteckt  und dort den Rest der Nacht verbracht. Als endlich Leben auf dem Hof war, ist er zum Wohnhaus gegangen und hat sich dort gemeldet, er hat etwas zu essen bekommen und ist anschließend nach Hause gegangen.

Auf dem Weg nach Hitzdorf fand er eine männliche Leiche am Schulzengraben, die nicht mehr genau zu identifizieren war. Der Mann war schon sehr stark verwest. Es war nur deutlich zu sehen, dass er einen Kopfschuss hatte. Er glaubt bis heute, es könnte Onkel Wilhelm Lukow gewesen sein. Frau Gerlach hat allerdings berichtet, dass es wohl Herr Kleinstück aus Schwachenwalde gewesen sein soll. Es wurde nie geklärt.

Zu Hause hat er sich erst einmal zwei Reusen geholt, die im Backhaus versteckt waren. Er hatte Hunger und wollte Fische fangen. Da ist er dann wieder den Russen in die Arme gelaufen. Er musste mit zur Kommandantur. Sie war nicht mehr bei Sauermann´s auf dem Hof, das Haus war inzwischen abgebrannt. Nun sollte er für die Russen fischen. Er hat die Reusen in den Graben gestellt und hatte abends 6 Hechte gefangen. Das ging ein paar Tage so weiter. Hannes ist dann sehr schwer an Ruhr erkrankt und hatte auch ganz hohes Fieber. Gerade zu dem Zeitpunkt ist Luise mit Marie und  Irene Schalow, Selma und Gerda Gerlach aus Regenthin wieder nach Hitzdorf zurück gekommen, weil der Treck abgezogen war und die Frauen dort nicht mehr gebraucht wurden. Frau Schalow und Luise sollten aus Hitzdorf für einen anderen Treck weggeholt werden, aber zu der Zeit war ein vernünftiger Kommandant bei den Russen. Er hat die beiden Frauen nach Kleeberg zur Arbeit geschickt, sie haben dann dort für die Russen gekocht.

Weil Hannes so krank war, durften sie auch vorübergehend in ihrem Haus wohnen. Die Frauen durften sich um Hannes kümmern und ihn versorgen. So oft es ging, haben sie ihm eine Wärmflasche gebracht, und Irene hat immer versucht, ihm etwas Warmes zu essen zu bringen. Als er wieder auf den Beinen war, musste er Reusen stellen und einmal wurde bei Tauwetter auch mit Heyn´s großem Netz gefischt. Dann sollte er wieder auf einen Treck. Diesmal ist er schon gleich bei Bergshöh (hinter Sellnow) weggelaufen. Die Russen waren sehr böse, als er so schnell wieder im Dorf war und haben ihm nicht geglaubt, dass man ihn zurück geschickt hätte, weil er noch krank war.

Hannes musste jetzt mit Fritz Rehwinkel, Wilhelm Venzke, Gustav Kuhl und einigen anderen auf Kleeberg arbeiten. Einmal mussten sie im Speicher in Kleeberg (von Stolz) Kornsäcke schleppen. Dort haben sich zwei russische Gruppen um dieses Getreide gestritten. Hannes kam mit einem Sack auf den Schultern die Treppe hoch und wurde von einem Russen mit dem Fuß runter getreten. Er ist dabei natürlich die ganze Treppe runter gefallen. Fritz Rehwinkel hat sofort erkannt, dass er schwer verletzt war. Er hat ihn schnell unter die Treppe gezogen und  unter einem Stapel leerer Säcke versteckt und ihm noch zugeflüstert, dass er ihn abends holen kommt. Er hat Wort gehalten und ist gekommen. Sie haben dann fest gestellt, dass die Beine heil geblieben waren, aber der rechte Ellenbogen war gebrochen. Fritz hat ihn nach Hitzdorf gebracht. Frau Gerlach und ein Flüchtling haben eine Schiene gebaut und ihn versorgt.

Er war zu dieser Zeit ohnehin noch sehr geschwächt, weil er die Ruhr noch längst nicht überstanden hatte. Er konnte aber nicht lange ausruhen, die Russen haben auf Verletzungen, egal wie schwer sie waren, keine Rücksicht genommen. Wer nicht zur Arbeit kam, musste damit rechnen, erschossen zu werden.

Hannes musste dann nach Wardin. Dort hat er seine Verwandten aus Richardshof getroffen. Die Russen hatten sie umquartiert und die Frauen mussten dort arbeiten. Hedwig Boenke und Meta Krause haben ihn dort mit Essen versorgt und anschließend musste er wieder mit den Russen Vieh zusammen treiben, obwohl der Arm noch nicht verheilt war.

 

 Gutshaus Wardin

 

 

Sie sollten Pferde für das polnische Militär besorgen, der Krieg war ja noch nicht vorbei.

In dieser Zeit war bei Helmut Meyer auf dem Hof noch eine versteckte Kuh. Sie war in den Rübenkeller unter dem neuen Stall gefallen und kam nicht wieder raus. Der Name war Mieze. Ungefähr drei Wochen hat sie nur von Rüben gelebt, hatte kein Heu und kein Stroh. Es war keine Möglichkeit, sie zu versorgen, sonst hätten die Russen sie ja gleich erschossen. Sie hat dort ein lebendiges Kalb bekommen und als später wieder einige Bewohner im Dorf waren, haben sie den Keller erst aufgefüllt und dann die Kuh mit Stricken hochgezogen. So hatten sie noch etwas Milch. Ein paar Schafe waren auch dort versteckt.

Dann kam der erste große Transport von Pferden und Kühen. Hannes musste mit, um sie zusammen zutreiben. Dabei sind sie über Bernstein, Berlinchen, Soldin, Neudamm und Nabern gekommen. Bei Landsberg haben sie längere Zeit gelagert, weil eine Floßbrücke gebaut werden musste, um die Warthe zu überqueren.             

Zu dieser Zeit waren Gerda Gerlach, Traute Ferner, Frau Baumann, Helmut Schmidt, Fritz Rehwinkel, Siegfried Höhn, Gustav Kuhl, Heinz Sankat (aus Ostpreußen) und Willi Fenske mit dabei. Es ging im April 1945 los, sie haben auf diesem Treck erfahren, dass der Krieg aus ist. Einige Frauen konnten in dieser Zeit wieder zurück, und Hannes ist im Gebiet zwischen Driesen und Schneidemühl zusammen mit den Jungs wieder ausgerissen, sie sind über Schönrade zurück und haben unterwegs die Frauen getroffen. Auf Sophienhof haben sie dann die erste längere Pause gemacht und sich ausgeschlafen.  Hannes kannte sich dort gut aus und hat Verpflegung besorgt. Dann sind sie zusammen nach Hause. 

Ende Mai 1945 war er dann wieder in Hitzdorf und hat vor der Kippspitze vier tote Männer gefunden.

Die Leichen waren ebenfalls nicht mehr zu erkennen. Er vermutet bis heute, dass es sich um Hitzdorfer Männer handeln könnte. Vielleicht vier von denen, die mit seinem Vater zusammen aus dem Keller geholt wurden. Er hat immer befürchtet, dass auch sein Vater dabei war.

Er hatte sich drei Pferde besorgt, hatte Kartoffeln gepflanzt und war angefangen zu mähen. Seine Mutter war immer noch auf Gut Lehre in Kleeberg und musste dort für die Russen kochen.

 

Hannes musste im Sommer 1945 dann auch mit seinem kranken Arm Getreide für die Polen mähen, die inzwischen auf vielen Höfen angesiedelt worden waren. Sie waren auf Luckow´s Land, hinter dem Hof von Lubitz. Ein etwa gleichaltriger Pole kam auf Hannes zu, der ja immer noch einen bandagierten Arm hatte, und beschimpfte ihn als „Deutsches Schwein“ und spuckte ihm ins Gesicht. Der Pole hat wohl geglaubt, er hätte “wehrlose Beute“ vor sich.

Dann sollte Hannes seine Schuhe ausziehen (es war sein letztes Paar, die anderen hatten die Russen geklaut) und abgeben. Da hat er mit dem Sensenstrich mit voller Kraft auf das Ohr des Polen geschlagen und ist schnell in Richtung Kleeberg zu den Russen geflüchtet. Das Ohr des Polen hatte sich sofort aufgerollt. (Erst viel später konnte Hannes feststellen, dass das Ohr ganz abgefallen war.)

In dieser Zeit musste Hannes dann die Leiche von Hilde Raatz ins Arnswalder Gefängnis bringen. Die Russen hatten sie bei Grams erschossen. Und nun gab es die Anweisung, dass Leichen dort im Gefängnis gesammelt werden sollten. Herr Venzke war von den Russen zum “Hilfssheriff“  bestimmt worden und musste den Abtransport organisieren. Da Hannes, wie erwähnt, ein Gespann hatte, wurde er von Venzke mit dem Transport  beauftragt. 

Als er dort ankam, kam ihm ein unbeschreiblicher Gestank entgegen. Unzählige Leichen wurden dort zwischengelagert, sie waren zum Teil schon blau angelaufen. Er hat gesehen, dass andere Deutsche diese Leichen wieder aufladen mussten. Sie wurden zum Gelände einer Baufirma (Demel o.ä., zwischen den Kasernen und Kähnsfelde) gebracht und dort einfach abgekippt. Bei diesem Anlass hat Hannes dann Christa Ferner, Lieschen Völker und Erna Heyn getroffen. Sie mussten im Gefängnis putzen, das Blut von den Wänden waschen.

 

 

 

Amtsgericht Arnswalde, rechts das Gefängnis

 

 

Als Hannes im Spätsommer 1945 wieder nach Kleeberg zu Luise kam, war auch sein Cousin Hans Boenke aus Seeberg mit einer Tante dort. Seine Mutter war inzwischen verstorben, sein Vater von den Russen verschleppt. Viele Deutsche waren schon über die Oder geflüchtet oder ausgewiesen worden, und Luise wollte sich und die beiden Jungs auch in Sicherheit bringen. Sie hat auch Hans Boenke als ihren Sohn ausgegeben, aber der Kommandant hat auf Hannes gezeigt und gesagt, das ist dein Sohn, den kannst du mitnehmen, der andere bleibt hier. Sie mussten dann Kleeberg verlassen, sind aber nicht weit gekommen. Während sie in Erfahrung bringen wollten, wann und wie sie mit dem Zug nach Westen fahren können, wurde Luise wieder zur Arbeit nach Kleeberg geschickt. Hans war inzwischen nicht mehr da. Und Hannes musste wieder  mit auf den nächsten Viehtransport. Diesmal ging es über Deutsch Krone, Thorn und Graudenz.

Ungefähr im Okt. 1945 erreichten sie die Weichsel. Beim Überqueren der Weichsel war Hannes auf einem Floß, das auf eine Mine gestoßen ist. Er kann sich nach der Explosion an nichts mehr erinnern. Es fehlen ihm ca. 2 Wochen. Er soll zusammen mit einem russischen Mädchen in einem Lazarett in der Nähe von Frauenburg (bei Elbing) gewesen sein. Er weiß nichts mehr davon. Es liegt auch sehr weit ab von der Treckroute, aber das Mädchen hat es ihm hinterher so erzählt. Seine Erinnerung setzt erst wieder ein, als er schon wieder beim Treck war und “seinen“ Hengst Kapsek wiedergesehen hat. Das war ein russisches Militärpferd, ein heller Fuchs, den er sehr gerne geritten hat. Da hat er dann auch einen Treckwagen wiedererkannt, auf dem ein Kahn transportiert wurde. Bis zur Weichsel war auch Gerda Gerlach bei diesem Treck, sie war nach seiner Rückkehr schon weg.

Gerda hat als einzige Nadel und Zwirn dabei gehabt, was für alle sehr wichtig war. Es gab ja keine Kleidung zum Wechseln. Und die Polen hatten ihnen nicht nur die Essgeschirre weggenommen, sondern auch alle Knöpfe abgeschnitten. Mit kleinen Holzstückchen haben sie Ersatz gebastelt, und Gerda hat sie angenäht. Wenn unterwegs mal Wäsche auf der Leine hing, dann haben sie sich das geklaut, was sie brauchen konnten.

Es ging dann über Mehlsack (bei Deutsch Eylau), Lyck und Treuburg nach Angerburg. Die Angerapp entlang nach Norden bis Seckenburg am Kurischen Haff, im Kreis Elchniederung zwischen den Flüssen Gilge und Memel hindurch. Dann nach Tilsit und später von dort über die Grenze nach Litauen bis ca. 20 km vor Vilna.

Für diese Strecke haben sie insgesamt 1 Jahr gebraucht, von Okt.1945 bis Okt.1946. In Ostpreußen wurden der Herbst und der Winter  abgewartet. Beim Übersetzen über die Weichsel hatten die Russen gemerkt, dass die Herde zu groß war. Sie haben dann immer an Bahnstationen versucht, 100 bis 200 Tiere zu verladen, je nachdem, wie viele Waggons zur Verfügung standen.

So sind dann im Herbst noch knapp 1000 Kühe in der Herde gewesen. Diese Tiere wurden in Ostpreußen von einem Gut zum anderen getrieben. Man blieb immer solange, bis die Futtervorräte des Gutes aufgebraucht waren. Dabei wurde auch das Getreide mit an die Tiere verfüttert, und die zurück bleibenden Menschen mussten hungern. Das Futter wurde im Laufe des Winters immer knapper, und einmal musste sogar ein Reetdach abgerissen werden, damit die Tiere etwas zu fressen hatten und ruhig gehalten werden konnten.

In der Nähe von Seckenburg haben sie längere Zeit gelegen. Dort gab es noch alte Arbeiterbaracken, in denen sie Unterkunft fanden. Sie konnten sich auch wieder mit Fischen versorgen. Im Winter hatte Hannes ein Loch in den See gehauen und mit einem Sandsieb Fische rausgeholt. Den Maschendraht hatte er zu einem Trichter geformt.  Das Fischen unter Eis kannte er ja von zu Hause. Zu der Zeit war noch eine Frau aus Kleeberg bei ihm, es war eine Schwester von Emmi Baumann, die aber durch Heirat einen anderen Familiennamen hatte.

1946 ging dann allmählich die Post wieder. Noch sehr unzuverlässig, aber einmal ist eine Kriegsgefangenen-Karte bei Gertrud Meier in Hitzdorf angekommen. Hannes hat an sie geschrieben, weil er erstens nicht wusste, wohin man seine Mutter inzwischen gebracht hatte, und zweitens, weil sie Polin war. So war die Chance größer, dass man ihr die Post zugestellt hat. Deutsche Post wurde von den Polen  oft aus Schikane vernichtet. Gertrud hat Luise auf Kleeberg informiert. Nun wusste sie wenigstens, dass Hannes noch lebt.

Als das Frühjahr kam, sind sie weitergezogen in Richtung litauische Grenze. Sie haben Tagesmärsche von ca.20 km gemacht, dann durften die Tiere wieder ein paar Tage weiden. So hatte die litauische Bevölkerung in diesen Gebieten große Not, weil die durchziehenden Herden alles kahl gefressen haben. Die Kühe haben natürlich nicht nur die Weiden abgegrast, sondern sind auch in die Getreidefelder hinein gelassen worden. Im Okt. 1946 waren sie dann kurz vor Vilna, wo die restlichen Tiere verladen werden sollten. In Litauen war die Breite der Bahngleise identisch mit der russischen Breite, und man brauchte dann nicht wieder umzuladen. Während dieser große Abtransport organisiert wurde, haben sie vor Vilna gelagert.

Am russischen Nationalfeiertag im Oktober 1946 (alle russ. Soldaten waren betrunken) ist er dann mit 2 Kumpels erneut geflohen. Sie haben sich Pferde geklaut und sind immer nachts bis kurz vor die deutsche Grenze geritten. Dort haben sie sich auf einem litauischen Bauernhof gemeldet. Auf dem Hinweg hatte Hannes dort in der Nähe eine Kuh, die frisch gekalbt hatte, an einen Baum gebunden.

Die Leute haben sich erinnert und den Jungs geholfen. Ein Serbe und ein sogenannter volksdeutscher Pole waren mit ihm zusammen. Sie wurden ca. 2 Wochen im Wald versteckt und von diesen Litauern verpflegt. Die Pferde haben sie dann dort zurück gelassen und sind zu Fuß weiter gelaufen.

In der Zeit haben sie in Kirchen nach Kerzenstummeln gesucht, die sie dann benutzt haben, um in einer Blechdose etwas Wasser warm zu machen. Sie haben gefrorene Rüben aufgesammelt, sie auf Bahnschienen zertrümmert und die Stückchen gelutscht, bis sie aufgetaut waren. Einmal hat ein Bahnwärter, der in einem abgelegenen Haus wohnte, ihnen Malzkaffee und Pellkartoffeln gekocht. Hannes hat nicht gegessen, sondern nach eigenen Angaben gefressen, und war hinterher sehr krank.

Nach mehreren Tagen ohne Essen konnte sein Magen die Menge nicht vertragen.

 

In der Nähe von Kreuz wurden sie dann von der polnischen Miliz verfolgt und mussten untertauchen. Auf einem Bahnhofsgelände haben sie sich in einem Bremserkasten versteckt. Der Zug fuhr los, und sie wussten nicht wohin. Raus kommen konnten sie nicht, weil die Miliz noch da war. Am nächsten Tag haben sie dann den Deckel gehoben und Hannes hat Woldenberg und Marienwalde im Vorbeifahren erkannt. Da war er sehr froh, für ihn ging es in die richtige Richtung.

Als er bei Hitzdorf in voller Fahrt abspringen wollte, haben ihn die anderen festgehalten. So musste er bis zur Endstation bleiben. Das war Stettin. Sie haben sich in alten Wehrmachtsstellungen versteckt und dann im Lager Scheune Erkundigungen eingeholt. Dort hat er von den Ausweisungen der Deutschen gehört, und hat deshalb nicht versucht, nach Hitzdorf zurück zu kommen. Sie haben von einem Zug erfahren, der am nächsten Tag die ausgewiesenen Deutschen über die Oder bringen sollte. Hannes und die beiden anderen sind noch vor den Leuten in den Zug und haben sich unter die Bänke gelegt. Die Leute haben dann ihre Bündel davor gestellt und die kleinen Kinder daraufgesetzt. So konnten sie sich vor der polnischen Miliz verstecken. Sie sind dann in Angermünde oder Ueckermünde angekommen. Dort hat er sich von den anderen getrennt und ist Richtung Berlin zu seinem Onkel Willi Meyer. Der wohnte in Herzfelde bei Straußberg und hatte dort eine Gastwirtschaft. Er war Polizist und brauchte deshalb nicht zur Wehrmacht.

Seine Mutter war bis Herbst 1946 auf Kleeberg  und ist dann mit dem Zug über Anklam nach Berlin gekommen. Sie war schon bei Willi Meyer, als Hannes ankam. Den ganzen Krieg hindurch war die Familie reichlich mit Lebensmitteln aus Hitzdorf versorgt worden, jetzt hätten sie sich einmal erkenntlich zeigen können. Aber davon war nicht die Rede. Hannes musste gleich nach seiner Ankunft beim Holz machen helfen, anstatt sich auszuruhen, und als die Arbeit fertig war, wurden sofort Bemerkungen zur problematischen Versorgungslage gemacht.

Sie waren eindeutig nicht willkommen, und man hat auch gar kein Hehl daraus gemacht. Darum sind sie ca. eine Woche nach der Ankunft von Hannes weiter gefahren nach Mesekow, dem Geburtsort von Marie Schalow und Selma Gerlach. Dort haben sie erfahren, dass ihre Nachbarn aus Hitzdorf – Richard und Marie Schalow –in Mellen bei Familie Stiegert sind und eine Unterkunft für sie haben. Irene war leider in der Zwischenzeit verstorben.

Das war im Dez.1946. Die Schwester Alma von Marie Schalow war in Mellen mit dem Stellmacher Stiegert verheiratet.

Hannes war dann ca. 2 Monate bei Stiegerts und hat danach in der Mühle in Mellen gearbeitet.

 

 

Mühle in Mellen

 

Inzwischen bestand Kontakt zu seinen Großeltern mütterlicherseits – Fam. Ferdinand Hohensee aus Arnswalde. Der hatte die Flucht mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter Hildegard Haberland überlebt und eine Siedlungsstelle in der Nähe von Pasewalk erhalten. Es war sein Wunsch, dass Hannes mit seiner Mutter kommen sollte, um die Siedlungsstelle zu übernehmen. Es war alles schon geplant.

Dann hat sich aber Fritz aus Schleswig-Holstein in Mellen bei Frau Schalow gemeldet. Und Hannes wollte nach mehreren schlimmen Vorfällen in der damaligen Ostzone von den Russen weg. So ist er im Dezember 1947 mit seiner Mutter ein letztes Mal geflüchtet und sie sind schwarz über die Grenze in den Westen.

Am 20. Dez.1947 sind sie in Bad Oldesloe angekommen und haben auf Schloss Schulenburg eine Unterkunft erhalten.

 

Schloss Schulenburg

 

Luise hat eine Art Tagebuch geführt, in dem sie alle wichtigen Daten der Familie aufgeschrieben hat, auch die ganzen Angaben zum Hof in Hitzdorf.

Es endet am 20.11.1954, als sie zusammen mit Hannes nach Sehmsdorf gezogen ist, wo sie dann 1958 gebaut haben.

Wir haben gemeinsam mit Oma Luise in dem Haus gelebt, und Hannes wohnt heute noch dort. Sehmsdorf gehört nur inzwischen zu Bad Oldesloe.

                    

 

Route vom letzten Viehtreck von Deutsch Krone bis Vilna  -  Okt.1945 bis Okt.1946

 

Diesen Bericht habe ich nach Erzählungen und Aufzeichnungen meiner Oma Luise Meyer und meines Vaters Johannes Meyer geschrieben.

Juni 2010         Silke Lüders (geb.Meyer)

 

 

 

Top