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Jugendzeit in Hitzdorf

 

Eine Begegnung mit dem Hilfspolizisten Fechner

Hannes war eines Tages mal wieder mit den Kühen unterwegs und hatte außer seiner Minka auch zwei Welpen von ihr dabei. Die Hunde lagen friedlich im Gras. Da kam der Hilfspolizist Fechner mit seinem Fahrrad und hat sich darüber mokiert, dass Hannes mit drei Hunden unterwegs war. Sie hätten keine Halsbänder, wären nicht versteuert und lauter solche Sachen hatte er zu bemängeln. Minka war aber versteuert, und die Jungen waren noch frei. Er stellte sein Fahrrad auf den Ständer, holte sein Notizbuch raus und wollte von Hannes die Namen der Hunde wissen. Die Hündin hieß Minka, die Frage nach dem zweiten Namen hat Hannes mit “Frach em“ beantwortet. Da hat Fechner schon dämlich geguckt. Und als Hannes den dritten Namen  mit “Wie du“ angegeben hat, da hat Fechner seinen Knüppel gezogen und wollte auf Hannes einschlagen. Minka war aber schneller. Ohne dass Hannes sie schicken musste, ist sie blitzschnell auf Fechner los und hat ihm die Gamaschen total zerfetzt. Ob sie auch noch durchgebissen hat, weiß er nicht mehr. Fechner ist jedenfalls auf sein Rad gesprungen und sofort zum Hof gefahren. Er hat sich dort beschwert. Als Hannes nach Hause kam, hat Helmut sich schlapp gelacht, und von Luise gab es was an die Ohren. Fechner muss den Vorfall in Arnswalde weitergegeben haben, denn zwei Tage später hat sein Opa Hohensee aus Arnswalde angerufen und gefragt, was denn da mit dem Hilfspolizisten passiert sei. Als er die ganze Geschichte erfahren hat, hat er sich wochenlang darüber amüsiert und es unterwegs überall erzählt.

Aus diesem Wurf von Minka sind viele Hunde im Dorf geblieben. Graper, Kraft, Luckow (er hieß Wachtel) und Arwa´s haben Welpen bekommen. Der von Arwa hatte eine besondere Farbe – eigentlich schwarz, aber das Fell schimmerte scheckig. Sie waren alle sehr gute Hütehunde. Der Vater war Waldo.

Den hatte Opa Hohensee 1935 mitgebracht. Hannes war mit den Kühen am Dorfende vom See, hatte ca. 30 Tiere zu hüten. Auf der einen Seite waren Rüben, auf der anderen Kartoffeln. Er musste ständig hin und her laufen, und hatte trotzdem keine Chance, sie beisammen zu halten.

Sein Vater Helmut war gerade im Krankenhaus. Da kam Opa Hohensee nach Hitzdorf und hat Hannes dort gesehen. Er hat sich sofort um einen guten Hütehund gekümmert. Waldo war ca. 1 Jahr alt und gehörte vorher einem Schweizer auf einem der Güter, mit denen Opa Hohensee handelte.

Waldo hatte einige Eigenarten. Wenn man mit einem dünnen Stock nur einmal schwuppte, lief er sofort nach Hause. Bei einem richtigen dicken Hütestock tat er gar nichts. Auf dem Hof ließen ihn die Mädchen nicht in die Küche, weil er immer in den Schrubber biss. Aber wenn die Männer zum Essen kamen, ist er mit reingekommen. Er lag dann unter der Bank, und keiner durfte mit den Beinen baumeln, sonst hat Waldo sofort in die Waden gebissen.

Wenn die Ziegen mal wieder ausgerissen waren, dann lief er ins Dorf und holte sie zurück. Kamen sie nicht freiwillig mit, dann hat er sie am Vorderbein gepackt und nach Hause geschleppt. Die Schweine durften beim Füttern nicht schreien, sonst ist er in die Boxen gesprungen und hat sie gebissen. Und die Kühe mussten die Köpfe zum Anbinden durch die Ständer stecken, wenn sie in den Stall rein kamen. Wer einen Schritt zurückging, wurde auch gebissen.

Waldo haben die Russen nicht erschossen, er war damals schon blind. Und Minka hat anfangs auch noch gelebt, sie hatte in der Russenzeit noch einmal Junge. Hannes weiß aber nicht, was aus ihnen geworden ist. Er musste dann weg.

In der Zeit, als Helmut im Krankenhaus lag (1936 Unfall mit dem Bullen, u.a. Becken-, Bein- und Rippenbrüche, 1935 Magenoperation), haben Karl Hildebrandt, Emil Wolf, Wilhelm Fischer und einige andere aus dem Dorf fast täglich nach Feierabend auf dem Hof geholfen. Auch an den Wochenenden.

Nur so konnte die Arbeit geschafft werden. Karl Hildebrand und Emil Wolf haben von Helmut ihre Bauplätze in der Siedlung bekommen, weil sie immer für ihn da waren, wenn er sie brauchte. Vorher haben sie im Dorf zur Miete gewohnt. Die Gemeinde wollte eigentlich die ganze Straßenseite zum Bauland machen, aber Helmut wollte nicht mehr Land hergeben. Er wollte die Sandkuhle selbst ausbeuten und das übrige Land bewirtschaften. Es lag ja auch direkt neben seinem Ackerland am See.

 

1939 oder 1940, zwischen dem Polen- und dem Frankreichfeldzug, sind Soldaten durch Hitzdorf gekommen, um eine Übung in Marienwalde zu machen. Die Jungs sind hinterher gelaufen, dann auch mitgefahren, und sie haben den Soldaten noch die Abkürzung ab Augustwalde über die Försterei Wicht gezeigt. Dadurch haben die vorausfahrenden Kradmelder erst einmal die Truppe verloren, und es gab mächtig Aufregung. Die Pioniere mussten dann in Marienwalde eine Pontonbrücke zur Insel im Barmdeich See bauen. Die Jungs, an die Hannes sich erinnert, waren Helmut Schmidt, Fritz Rehwinkel, Siegfried Höhn, Willi Fenske, Waldfried Wollgramm, Gustav Kuhl, Horst Frank (er war zu der Zeit noch gesund) und wohl auch Rudi Knöpke. Aus Göhren waren Wilhelm Barnick, Gehring, Krenz und Wilke zum See gekommen. Als die Brücke fertig gestell war, sind die Jungs mit auf die Insel gegangen. Dort wurden große Biwakfeuer gemacht, es gab Erbsensuppe aus der Gulaschkanone und zum Schluss wurde ein Zapfenstreich geblasen. Da hat ein Leutnant dann die Jungs entdeckt, und gefragt, wo sie überhaupt herkommen. Die Göhrener mussten zu Fuss nach Hause, und ein Kradmelder musste zur Försterei Wicht fahren, weil es dort das nächste Telefon gab. Hermann Erdmann wurde in Hitzdorf angerufen und musste alle Eltern informieren. Die Jungs wurden dann von einigen Soldaten mit einem Pferdegespann nach Hause gebracht. Hannes sagt heute noch, sie hätten einen richtig tollen Tag erlebt und viel Spaß gehabt.

Den Ärger, den er mit seiner Mutter hatte, konnte er überhaupt nicht verstehen.

 

 

 

Barmdeich See in Marienwalde.

 

Sein großer Bruder Fritz war zu Beginn des Krieges, beim Aufmarsch für den Polenfeldzug, mit vielen Jugendlichen (Herbert Luckow, Richard Stollfuß, Werner Konrad, Ilse Höhn u.a.) auch den Soldaten hintergelaufen. Die Großen waren dann sogar bis Fürstenau mitgefahren, das war viel weiter, und Fritz hatte keinen Ärger bekommen. Darum fand Hannes seinen Ausflug auch völlig in Ordnung!

 

Bei der Ziegelei Zinke war eine Instandsetzungskompanie für Flakgeschütze untergebracht. Die Jungs haben abends oft mit den Soldaten Fussball gespielt. Einmal hat der Leutnant sie gefragt, ob sie denn so einen Ball auch berechnen können. Konnten sie nicht! Da hat er ihnen angeboten, abends mit ihnen Matheunterricht zu machen, vor allem Raumlehre. Es ist ja damals schon viel Unterricht ausgefallen, und es sind auch immer Kinder zur Rechenstunde gekommen. Die Eltern haben dafür Lebensmittel gegeben.

Lehrer Fredrich musste ja für einige Zeit zur Wehrmacht, und ist nur aufgrund seiner Verletzung zurück gekommen. Er konnte nicht mehr laufen, sein Fuß war kaputt. Die Kinder aus der Siedlung mussten ihn je nach Wetter mit dem Handwagen oder auf dem Schlitten zur Schule ziehen.

 

Konfirmation

Hannes wurde an einem Samstag, dem 25.3.1944, in Schwachenwalde von Pastor Furian konfirmiert - gemeinsam mit Fritz Rehwinkel, Horst Frank und Hans Boenke. Die Mädchen dieser Gruppe waren Hilde Arwa, Emmi Baumann, Helma Klems und Christa Berg. Pastor Haferburg, der ja eigentlich für Hitzdorf zuständig war, musste 1940 zum Militär.

Hannes hat sehr viel Geld zur Konfirmation geschenkt bekommen. Er hat sich davon ein Fohlen gekauft und 10 bis 12 Schafe. Die genaue Anzahl weiß er nicht mehr. Von seinem Patenonkel Hans Boese (aus Arnswalde, Friedebergerstraße, Brennstoffhandel, Ehemann von Frieda Hohensee) hat er eine goldene Taschenuhr geschenkt bekommen. Die haben natürlich auch die Russen einkassiert. Eine Patentante war Emma Schülke, an weitere Paten kann Hannes sich nicht mehr erinnern.

Gefeiert wurde zu Hause in Hitzdorf auf dem Hof. Es gab das typische Festessen der Familie:

Mittags zum ersten Gang Fisch. Schleie und Barsche, manchmal auch ein großer Hecht, weiß (das heißt in Dillsoße) und braun (das heißt in Biersoße mit Pfefferkuchen bzw. Fliederkreude) gekocht.

Der zweite Gang war dann Rinder- oder Schweinebraten.

Nachmittags Kaffee und Kuchen, und abends gab es gebratene Hechte.

So ein Festtagsessen gab es in der Familie auch am Heiligabend. Allerdings gehörte dann abends noch eine bestimmte Sorte Wurst dazu, und der Heringssalat von Oma Luise. Den hat es bei uns auch immer an jedem Heiligabend gegeben, solange Oma dabei war.

Und als Nachspeise ihre unvergessene Zitronencreme, die sie immer mit dem Schneebesen von Hand gerührt hat.

Heiligabend wurde auf dem Hof sehr früh gemolken und gefüttert. Dann haben alle gemeinsam Kaffee getrunken, und anschließend war in der guten Stube Bescherung. Danach folgte das beschriebene Abendessen. Die Arbeitsleute aus dem Dorf  gingen danach nach Hause zu ihren Familien. Wilhelm Meier ist oft schon vor dem Abendessen gegangen. Er hat dann für seine ganze Familie das Essen mit rüber genommen, so dass er auch noch mit seinen Kindern Weihnachten feiern konnte.

An den Weihnachtsfeiertagen gab es dann zum Mittag Geflügel. Einen Tag Gans, und am zweiten Feiertag Enten oder Perlhühner, wenn die Biester sich abschießen ließen. Oma Luise hat  immer erzählt, dass die Klock-Acht-Hühner eine reine Plage waren, aber sie hatten einen wunderbaren Geschmack.

Fritz wurde im März 1939 konfirmiert. An diesem Tag wurden die Fotos im Garten vor den Rüstern gemacht.

 

 

 

   

Hans Boenke, Magret Hacker, Hannes, Marianne Boese, Hans Hacker, Lothar Sobeck

davor Karl Heinz Sandmann.

 

Elisabeth Völker, Elli Stollfuß, Lieschen Bahnemann, Hilde und Käthe Völker,

Ilsetraut Schmidt (Göhren), Meta Krause (Richardshof) und Irmchen Schmidt (Göhren).

 

 

Vorderlader

Die Jungs waren mal wieder verabredet und wollten bei den Pieper-Wiesen ein Habichtnest ausnehmen. Einige Wochen vorher hatten sie den Männern, die die Überlandleitungen kontrollierten, mehrere Steigeisen geklaut. Die lagen in den Körben hinten auf den Fahrrädern, und die Männer waren in der Kneipe und haben sich nach dem Dienst betrunken. Als einer von den Jungs zum Nest hochstieg, griffen die alten Habichte an. Darum sind sie nach Hause gegangen, um ein Gewehr zu holen.

Weil kein Tesching zu kriegen war, haben sie sich einen alten Vorderlader genommen. Pulver und Zündplättchen hatten sie auch besorgt, aber sie hatten kein Schrot. Da haben sie dann kleine Steine gesammelt. Der erste Test verlief einigermaßen zufriedenstellend, also sind sie wieder los gezogen. Beim Habichtnest war die Pulverladung dann wohl etwas zu stark. Der Lauf des alten Vorderladers ist explodiert und der Junge (es war nicht Hannes) hat sich alle Fingerkuppen aufgerissen und zerfetzt.

Einen Tesching haben sie bei Helmut nicht mehr gekriegt, weil sich bei einem ihrer voran gegangenen “Jagdausflüge“ einer der Jungs durch den Fuß geschossen hatte. Während sie mit geladenen Waffen auf ihre Beute gewartet haben, hatte einer von den Jungs das geladene Gewehr mit dem Lauf nach unten auf seinem Fuß abgestellt. Aus irgendeinem Grund hat er sich erschrocken und abgedrückt.

Schuh und Fuß kaputt – Jagdausflug beendet.

 

 

 

   

Hannes mit einem selbst geschossenen Habicht.

 

Habicht - Flügelspannweite 140 cm.

 

 

Im Sommer trafen sich die Kinder und Jugendlichen aus dem Dorf alle zum Baden am See.

Eine Badestelle war unten an der Hauskoppel von Helmut, eine weitere an der Trift an Heyn´s See. Die meisten Kinder haben früh schwimmen gelernt. In einem Dorf, wo fast jedes Grundstück Zugang zu einem See hat, war das einfach selbstverständlich.

In den Sommermonaten sind sie sogar im Sportunterricht zum Schwimmen gegangen. Dann sind Hannes und seine Freunde rüber geschwommen zur Kippspitze. Danach waren sie häufig völlig erschöpft und konnten nicht mehr schwimmen. So mussten sie leider zurück laufen - den langen Weg über die Kippspitze und dann durch das ganze Dorf bis zur Schule.

Lehrer Hacker war jedes Mal sehr böse über diese plötzlichen Ermüdungserscheinungen, konnte aber nichts machen. Nachmittags waren diese Strecken natürlich nie ein Problem.

Am Wochenende hat sich auch oft die ganze Familie zu einer Kahnfahrt getroffen. Die Kinder und die Mädchen im Pflichtjahr sind dann auch immer Schwimmen gegangen,

und Helmut und Hannes hatten Reusen dabei.

Außerdem wurden die Pferde abends nach der Arbeit im See gewaschen. So konnte man Scheuerstellen durch den Schweiß unter dem Geschirr besser vermeiden. Und den Menschen tat diese Abkühlung nach einem langen Arbeitstag auch gut.

 

Helmut Meyer mit Emanuel und Leo beim Pferde waschen im See.


Die Franzosen vom Hof mussten gemeinsam mit den anderen Gefangenen bei Kraft auf dem Saal schlafen. Sie wurden von einem Wachmann begleitet, der tagsüber immer reihum bei den Bauern mit verpflegt wurde. Bei Helmut haben die Franzosen mit am Familientisch gegessen, obwohl es eigentlich nicht erlaubt war. Als der Wachmann dann bei ihm in die Küche kam, hat er sich geweigert, mit Gefangenen an einem Tisch zu essen. Sie sollten die Küche verlassen. Aber Luise hat dann für den Wachmann in der Stube decken lassen, und die Franzosen sind am Tisch geblieben. Eigentlich sollte der Wachmann die Gefangenen auch abends einschließen und morgens wieder zu den Höfen bringen. Aber die Franzosen von Oellermann und von Helmut Meyer mussten so früh raus, dass der Schlüssel an Helmut übergeben wurde. Der hat dann Paul Lück damit beauftragt, und Paul hat den Schließdienst Hannes auf´s Auge gedrückt. Der hatte aber genauso wenig Lust dazu wie die Erwachsenen, und so haben die Franzosen von Helmut den Schlüssel mitgenommen und selbst auf- und abgeschlossen.  

 

Am 1. August 1944 kam der Bescheid zum Arbeitsdienst. Hannes musste unmittelbar von seinem Lehrbetrieb aus Lauchstädt zum Einsatz, durfte nicht vorher nach Hause.

Am 2. August musste er sich schon zum Einsatz melden. Damit war die Jugendzeit in Hitzdorf endgültig zu Ende.

Als er im Sammellager eintraf, wurde er von einem alten Futtermeister empfangen, der die Jungs zur Arbeit einteilte. Der wunderte sich als erstes über sein Geburtsdatum, die meisten anderen, die zum Dienst an die Ostfront mussten, waren Jahrgang 1928 oder 1929. Dann fragte er, wo Hannes denn seine Uniform hätte, weil die anderen in HJ-Uniform angereist waren, und weil man in seinem Alter doch den HJ-Dienst in Uniform machen musste. Hannes hat ihm gesagt, dass er weder eine Uniform besitzt, noch Mitglied in der HJ ist. Erst ist er nicht mehr zum Dienst gegangen, dann hat man ihn ausgeschlossen. Die Antwort vom Futtermeister war: dann ist ja alles klar.

Beim Arbeitsdienst musste Hannes anfangs ein paar Tage zum Schaufeln an den Ostwall, dann wurde er als Gespannführer eingeteilt. Dabei hat er Wassil wieder getroffen. Das war der Russenjunge, den sein Onkel Major Hans Boenke von der Front nach Hause geschickt hatte. Die 5 russischen Kinder wurden in der Familie verteilt: Wassil war oft bei Helmut Meyer, sein Bruder Antek, seine Schwester und ein Cousin waren auf Seeberg, und ein weiterer Cousin bei Rönnfranz. Wassil hatte für sie die ersten Skier aus Tonnenbrettern gebaut und Hannes das Skilaufen beigebracht. Später bekam Hannes dann richtige Ski von seiner Tante Hilde geschenkt. Ihr Mann arbeitete in einem Marine-Versorgungsdepot in Kiel, und kam dadurch an Sachen heran, die man sonst schon lange nicht mehr kaufen konnte. Wassil war sehr bemüht zu lernen. Er wollte unbedingt die Grundrechenarten beherrschen. Wassil  war nun also auch beim Arbeitsdienst. Familie Boenke aus Seeberg hatte ihn als Ersatz für Hans geschickt. Er war sehr erleichtert, als er Hannes wieder getroffen hat. Er hatte es nicht leicht als Russenjunge und wurde nicht gut behandelt. Ein Volksdeutscher vom Balkan war auch noch bei ihnen. Hannes ist dann immer für alle drei das Essen holen gegangen, so bekamen sie drei deutsche Portionen, die zwar nicht besonders üppig waren, aber doch deutlich größer als die für Russen.

Wassil hatte immer Angst um Hannes, weil der ständig die Stiele seiner Arbeitsgeräte abgebrochen hat. Sobald er einen Stein entdeckt hat, hat er seinen Spaten oder die Picke dahinter geklemmt und einmal fest dagegen getreten. Dann musste er ja erst einmal nach einer Werkstatt suchen, wo sie wieder repariert wurden und das hat natürlich immer recht lange gedauert.

Hier in Dragebruch und auch später in Heidekavel waren sie in einem Arbeitslager untergebracht, in dem auch viele junge Frauen aus Berlin waren. Weil sie keine Kinder hatten, waren sie auch dienstverpflichtet worden. Sonntags brauchten sie zwar nicht zum Schippeinsatz, hatten aber dafür Dienst. Sie mussten antreten und marschieren üben, und natürlich singen. „Heute gehört uns Deutschland, und Morgen die ganze Welt“ – und vor Ostpreußen stand schon die Rote Armee.

Dann wurden die Jungs als Gespannführer eingeteilt und mussten Verschalung für den Wall fahren. Das waren meistens 2 bis 3 Meter lange Äste und anderes Grünzeug, das zwischen die Pfähle gezogen wurde. Nun brauchten sie nicht mehr im Lager zu wohnen, sondern wurden bei den Bauern einquartiert, wo auch die Pferde untergebracht waren. Damit war auch der Sonntagsdienst endlich vorbei. In dieser Zeit haben sie in verschiedenen Dörfern gewohnt.

Die erste Stelle war ein Bauer Sahr in Glashütte, dann waren sie noch in Heidekavel beim Bürgermeister  Sommerfeld (oder Sonnenfeld) und auch auf einer kleinen Siedlungsstelle bei Dragemühl, in Dragelukatz. Der Mann Emil Sänger war zum Volkssturm eingezogen worden und die Frau war mit den Kindern allein. Das einzige Pferd hatte das Militär ihr weggenommen und dafür ein junges Tier gegeben, das noch nicht eingefahren war. Der alte Futtermeister hat dafür gesorgt, dass die Frau immer ein brauchbares Pferd auf dem Hof behalten konnte, und hat das junge Pferd mit einfahren lassen. Aus Dankbarkeit hat die Frau abends für sie gekocht. Und während der Kartoffelernte hat sie tagsüber nur die Säcke an den Feldrand gestellt, und Hannes hat abends auf dem Rückweg mit Wassil die Säcke aufgeladen und zum Hof gebracht.

Nach dem Einmarsch der Russen hat Wassil dann im Lager in Woldenberg dafür gesorgt, dass Hannes nicht mit den anderen Männern in die Bergwerke nach Russland verschleppt wurde. Er hat Hannes aus der Gruppe herausgeholt und ihn für den bevorstehenden Viehtreck eingeteilt. Er hat noch richtig Ärger mit den anderen russischen Soldaten bekommen, die den Gefangenentrupp begleitet haben, aber er hat sich durchgesetzt. Wassil trug da schon eine russische Militäruniform und musste mit der kämpfenden Truppe weiter. Bei einem Besuch am sowjetischen Ehrenmal in Berlin hat Hannes den Namen Wassil Zwirnoff auf den Tafeln gefunden: gefallen in den letzten Apriltagen 1945 im Kampf um Berlin.

Hannes hatte im Oktober noch Sonderurlaub für die Kartoffelernte zu Hause auf dem Hof in Hitzdorf.

Den musste er aber vorzeitig wieder abbrechen, weil er angeblich dringend am Ostwall gebraucht wurde. Kaum war er jedoch dort angekommen, wurde er der Organisation Todt zugeteilt und nach Bialystok versetzt.

 

 

 

 

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