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Erinnerungen an meine Heimat Hitzdorf in Pommern von 1930 bis nach 1945

 

von Margarete Schulz (geb. Herder aus Hitzdorf) 

Berlin, im Januar 2005

ab 1945

Ich versuche, die Erlebnisse nach 1945 und der Flucht in Kurzfassung aufzuschreiben. Einiges konnte ich durch Telefonate erfahren, obwohl das Erinnern nach fünfzig Jahren schwer fiel. Bei allen ist die Erinnerung, wenn auch oft schmerzlich, an unser Dorf zurückgekehrt. Ich rege sie zum Denken an, und erfahre so vieles, was ich nicht wusste.

Die Führerrede am 30.Januar 1945 hatten meine Mutter und ich gegenüber bei Kraft´s aus dem Radio mit angehört. Als wir um 24 Uhr nach Hause gingen, war die Straße vom Mond hell erleuchtet. Im Osten war der Himmel rot und wir hörten Kanonen schießen. Wir gingen zu Bett und am nächsten Tag, am 31. Januar 1945, waren die Russen da. Ab dem Moment war unsere heile Welt zerbrochen! Eigentlich wollte unser ganzes Dorf auf die Flucht gehen. Jeder hatte einen Wagen mit allem beladen, was er für nötig hielt. Mein Vater hatte noch eine Plane darüber gezogen und Essen war reichlich eingepackt. Unser Ukrainer Wassil sollte den Wagen lenken, mein Vater war zu der Zeit in Woldenberg als Wachsoldat für polnische Soldaten eingezogen. Ich habe ihn erst in Berlin zu meiner Konfirmation am 17.11.1946 wieder gesehen. In der Kirche am Hohenzollerndamm hat mich Pastor Friedrich Lindenmeyer eingesegnet. Zu der Zeit spielte das Essen eine größere Rolle als die Kleidung. Mein Prüfungskleid und die Schuhe, das Konfirmationskleid und die schwarzen Lackschuhe waren auf dem Fluchtwagen. Es kam kein Befehl zur Flucht vom Bürgermeister. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass keine Vorwarnung erfolgte. Wir waren in der Falle!

Als dann die Russen da waren, brauchten sich die Polen und Russen, die als Arbeiter bei uns waren, nur die Pferde anspannen und in Richtung Heimat fahren. Sie hofften wohl damit gut nach Haus zu kommen. Man hörte aber, dass es ihnen auch schlecht ergangen ist. Meine Tante aus Düsseldorf hatte, als die Bombenangriffe einsetzten, ihre ganze Wäsche zu uns geschickt. Hatte meine Mutter alles aufgeladen. Im Nachhinein bin ich froh, dass uns die Flucht erspart blieb, denn was manche erlebt haben, war ja noch schlimmer. Es war wohl unser Schicksal, und für jeden einzelnen bestimmt.

Am 31.Januar 1945 in den frühen Morgenstunden kamen die Russen in unser Dorf Hitzdorf.

Unser Ukrainer Wassil hatte sie bemerkt, sicher auch andere. Die Russen zogen durch das Dorf und wurden auf der Straße nach Kleeberg von einem Panzerzug beschossen. Es gab viele Tote bei Menschen und Pferden. Sie hatten auf ihren Panjewagen viel erbeuteten Proviant vom deutschen Militär. So auch Kisten mit Coca-Cola-Schokolade, die wir, als es etwas ruhiger wurde, mit großer Mühe nach Hause schleppten. Auch Fleischkonserven waren dabei, für uns aber nicht wichtig, zu Essen hatten wir bis dahin immer genug. Dann wurde um Kleeberg gekämpft, dabei wurden die Männer im Bahnhofsgebäude erschossen. Herr Pälchen, Herr Schröder und Herr Kuch. Hans Mörke hatte es beobachtet. Das Haus von Otto Mörke, mit Lebensmittelgeschäft, brannte am 4.2.1945 bis auf den Grund ab. Frau Mörke und Hans kamen zu Verwandten, Familie Quade, nach Hitzdorf, und erlebten die Russenzeit mit uns.

Am 6.2.1945 starb meine Mutter Else Herder, geb. Will, mit 42 Jahren an Diphtherie. Opa Adolf Will hat ihren Sarg gezimmert. Nebenan im Kindergarten war eine Familie aus Ostpreußen, die Tochter Margarete verstarb. Auch Lieschen Bartel verstarb in der Zeit an Diphtherie, sie ist im Garten begraben.

Der Schmied, Herr Grams, wurde zum Verhör geholt und später erschossen. Irmchen Dräger kann sich erinnern, die Familien Grams, Seide und Dräger, und wohl auch mein Onkel Fritz Herder mit seinen fünf Töchtern aus Raakow, und Frau Schmidt mit ihren Töchtern, waren zu der Zeit in der Scheune bei unserem Nachbarn Otto Luhm. Es war sehr kalt, und es lag viel Schnee. Die Toten durften nicht zum Friedhof gebracht werden. So wurden meine Mutter und Herr Grams über die Straße in Kraft´s Garten gebracht und da begraben. Jetzt steht an der Stelle ein Nussbaum. Ich durfte in diesem Jahr, 2004, zum ersten Mal in Kraft´s Garten.

Anfang Februar 1945 wurden fast alle Männer, die noch im Dorf waren, abgeholt und über Schwachenwalde nach Russland verschleppt. Einzelne konnten fliehen, und kamen 1945 oder später zurück.

Lehrer Fredrich, Otto Wollgramm und Karl Berg wurden in der Sandkuhle bei Höhn erschossen. Sie waren mit Stacheldraht zusammen gebunden. Meta Wilke und einige aus dem Dorf fanden sie, und haben sie auf dem Friedhof begraben. Von Gotthold Völker fehlt jede Spur. Was Erwin Erdmann dabei für eine Rolle spielte, wird wohl nur von ihm selbst geklärt werden können. Sein Großvater wurde auch abgeholt. Sein Vater war zu der Zeit beurlaubt, wegen einer Kiefernvereiterung und wurde verschleppt. Erwin wurde auch verschleppt und verwundet.

Nach dem 6. Februar 1945 wohnte ich bei meiner Tante, wo auch mein Großvater lebte. Er hatte große Angst um uns Mädchen. Hat überall Verstecke gebaut, in der Scheune Strohballen geschichtet, bis kleine Räume entstanden. Auch Trautchen und Christa Ferner waren mit uns versteckt. Eines Tages, es muss so um den 10. Februar gewesen sein, hatten meine Cousinen und ich ein furchtbares Erlebnis. Erst besetzten die Russen unser halbes Dorf, wir mussten in der anderen Hälfte zusammen kriechen. Weil wir uns sehr fürchteten, waren in vielen Häuser 20 Personen und mehr in einem Raum. Wenn die Russen das Zimmer betraten, fingen wir alle furchtbar laut an zu schreien. Darauf haben sie meist geschossen, oft in die Luft oder in die Tür. In der Nacht zum 16. Februar 1945 haben die Russen uns wieder belästigt und alle aus dem Haus getrieben, meinen Großvater als letztes. Er sagte zu meiner Tante, jetzt haben sie mich getroffen. Er hatte wohl einen Herzschlag bekommen, er sackte in der Haustür zusammen, wir fanden ihn am nächsten Morgen. Wir hatten die Nacht alle bei Familie Teßmer nebenan verbracht. So wurde unser Großvater auch in seinem Garten am See begraben.

Es muss wohl gleich danach gewesen sein, im Februar 1945 musste das ganze Dorf geräumt werden. Wir zogen alle in Richtung Marienwalde durch den Wald, immer von russischem Militär begleitet. Es war furchtbar. Wir hatten Angst, von den Russen entführt zu werden. Einige blieben in Reierort, andere zogen weiter bis Regenthin. Dort setzte sich das Treiben fort, viele Frauen wurden vergewaltigt. Um den 6. März 1945 kamen wir wieder nach Hitzdorf zurück, so Alma Mörke in ihrem Fluchtbericht.

Von Ursel Lubitz hörte ich jetzt, dass sie nicht geflohen sind. Die Mutter war sehr krank und konnte nicht laufen. Sie haben es dann doch probiert. Herr Lubitz hat seine Frau auf eine Schubkarre gelegt und sie in Richtung Augustwalde geschoben. Sie kamen aber nur bis Oellermann. Es war zu schwer für ihn. Sie gingen wieder zurück nach Hitzdorf. Dort zogen sie gleich in ihre Waschküche und versteckten sich. Frau Lubitz verstarb am 11.März 1945 und wurde in ihrem Garten begraben. Bei Kraft´s nebenan starb der alte Herr Kunkel, Vater von Frau Kraft. Er wurde im Garten begraben. Bei Familie Wilke verstarb die Mutter Martha, sie liegt im Garten begraben, auch eine Flüchtlingsfrau aus Berlin. Meta Petznick, Schwester von Helmut Petznick, hat sich vor Verzweiflung erhängt. Sie liegt im Garten am See begraben. Bei Greffenius im Garten liegt der kleine Sohn Peter begraben.

Als wir wieder im Dorf waren, wurde bei Sauermann´s eine Kommandantur errichtet. Alle mussten da arbeiten. Wilhelm Venzke wurde unser “Bürgermeister“. Wir Mädchen hielten uns noch versteckt. Bald danach kamen wieder Russen mit Kraftwagen auf den Hof, und nahmen meine Cousine und mich mit. Wir landeten in Seeberg, zwischen Plagow und Hitzdorf, bei Familie Boenke, die noch da waren. Sie saßen verängstigt um einen großen Tisch und haben Erbsen ausgepult, so meine Erinnerung. Es waren ungefähr 20 bis 30 Russen im Haus und auf den Hof. In zwei Zimmern standen Betten für alle. Wir mussten dort auch schlafen, mir ist dort nichts passiert. Am nächsten Tag kamen plötzlich andere Russen mit einem Offizier. Dem erzählte ich, dass wir dort festgehalten werden. Boenke´s hatten einen 14jährigen Russenjungen, der alles übersetzte. Der Offizier sagte, wir sollten gehen. Von Boenke´s bis auf den Hof von Arwa´s sind wir hintereinander gelaufen, wir hatten Angst, dass sie uns zurückholen. Es war gut ein Kilometer bis zu Arwa´s, ein Russe hatte mit dem Messer gedroht. Hildchen erinnert sich, dass wir danach bei Graper´s und Schröder´s in der Scheune geschlafen haben. Hans Boenke kam bald danach und berichtete, dass es Partisanen waren, die gleich nach uns verschwunden sind.

Auf dem Hof von Frau Sauermann waren auch die Kühe in den Ställen, die von den Frauen gemolken wurden. Wir mussten die Kühe in den Pieperwiesen nahe Augustwalde hüten, von Russen bewacht. Alle mussten zur Arbeit kommen. Als wir einmal auf dem Acker von Petznick´s dicht an den Bauernfichten arbeiteten, durften wir im Wald Blaubeeren suchen. Wir kannten unseren Wald gut. Plötzlich tauchten 6 bis 8 deutsche Soldaten auf. Sie hatten sich dort versteckt und baten um Zivilkleidung. Die größeren Mädchen haben spät abends den Weg gewagt. Es kam wohl doch raus, aber die Soldaten waren am nächsten Tag weg. Später wurde alles nach Kleeberg verlagert. Das habe ich nicht mehr erlebt. Am 15. Juli 1945 bin ich mit Familie Pritzkau aus Berlin von Augustwalde über Kreuz und Küstrin nach Berlin geflohen. Herr Pritzkau hatte es gewagt, und kam nach Hitzdorf, um seine Frau zu holen. Sie war mit ihren Söhnen Dieter und Wolfgang in Hitzdorf evakuiert. In Berlin wohnten sie im englischen Sektor. Ich habe in Haushalten mit Kindern gearbeitet, wollte eigentlich Kindergärtnerin werden. Habe ab 1950 beim Notstandsprogramm in Berlin in Hausruinen Steine geklopft. 1951 bekam ich durch eine Bekannte Arbeit bei der Firma Siemens. 1955 heiratete ich einen Berliner, bekam eine Tochter und einen Sohn.

Seit ich diese Aufstellung über die Dorfbewohner mache, habe ich viel über Fluchtwege erfahren. So auch, dass fast alle Kleeberger schon am 27. und 28.Januar 1945 mit dem Zug abfuhren. Auch von der Hitzdorfer Siedlung ist einigen die Flucht gelungen. Vera Schmidt ist am 22.12.2004 verstorben.

Die Arbeiterfamilien aus Kleeberg hatten ja kein Fahrzeug, und es war ein Glück für sie, dass die Bahnbeamten den Zug für sie frei hielten. Darum sind die meisten Familien aus Kleeberg in Luckenwalde gelandet, wo die Kinder heute noch wohnen. Familie Lehre ist erst mit Pferd und Wagen geflohen, und später mit dem Zug bis in die Gegend bei Bremerhaven. Sie haben dort gesiedelt. Familie Frank von der Post in Kleeberg wohnte zuletzt in Woltersdorf bei Berlin, alle sind schon verstorben.

 

 

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